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Der Galerist und der Bestatter

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Bestatter und Galeristen haben einiges gemeinsam. Sie verkaufen recht teuren Tinnef, warten manchmal tagelang vergeblich auf einen Kunden und immer mal wieder haben sie die Bude voll mit fremden Leuten. Was dem Galeristen seine Vernissage, das ist dem Bestatter eine Trauerfeier im eigenen Haus.

Diese Parallelen fielen mir und Herrn Kohnen, der Inhaber einer Gemäldegalerie ist, vor einiger Zeit bei einem Glas Wein auf. Und diese gewissen Gemeinsamkeiten trugen mir eine nette Zusammenarbeit mit der Galerie Kohnen ein. Seitdem haben wir in regelmäßigem Wechsel echte Kunstwerke an den Wänden hängen, das macht ordentlich was her.

Kohnen achtet darauf, daß die Motive neutral sind und nicht zu grell und wir passen auf, daß nichts kaputt geht.
Ob er auf diese Weise jemals etwas verkaufen wird, das bezweifle ich persönlich ja, aber -zumindest sagt er das- darauf kommt es ihm gar nicht an; und immerhin hat schon zweimal jemand wegen der Bilder nachgefragt. Scheinbar fällt es auf, wenn irgendwo mal etwas anderes hängt, als immer nur diese Kaufhausdrucke.

Herr Kohnen liest sehr viel, überbrückt damit die Zeit zwischen seinen eher seltenen Verkaufsgesprächen, die Menschen kaufen eben nicht so oft Gemälde und Skulpturen wie sie Brötchen und Flachbildschirme kaufen.
Da ihm mein Buch sehr gut gefällt, hat er einen Stapel davon im Schaufenster drapiert. Feiner Zug!

Auch bei uns gibt es immer wieder mal Leerlauf. Abgesehen von wirklich großen Großstadtbestattern oder kommunalen Quasimonopolisten kennt das jeder Bestatter, es stirbt eben nicht jeden Tag einer oder anders gesagt: Es sterben nicht immer genug Leute, als daß jeder Bestatter den ganzen Tag ausgelastet wäre.

Natürlich ist jeder Bestatter an Aufträgen interessiert, vor allem wenn die Wartezeiten zwischen den einzelnen Aufträgen zu groß werden. Werden sie nämlich zu groß, dann kann das schnell zu existenziellen Sorgen führen.
Dieses nagende Gefühl, ob es wirklich weitergeht, das kenne ich nur zu gut. Selbst wenn man ein halbwegs gut laufendes Institut sein Eigen nennt, gibt es immer mal wieder Durststrecken. Und hat das Haus erst einmal eine gewisse Größe erreicht, dann will ja auch Personal bezahlt werden, Mieten, Raten, Gebühren, Kosten…

Die Mitarbeiter sehen oft nur, wie niedrig die Einkaufspreise sind und wie teuer schließlich alles auf der Rechnung abgerechnet wird. Manchmal scheinen sie zu denken, die gesamte Differenz wandere Eins zu Eins in die private Geldbörse des Chefs.
Daß der davon aber auch die Zeiten finanziert, in denen die Mitarbeiter Karten spielen oder verwinkelte Frauengespräche führen, das sehen sie nicht.

Irgendwas ist immer zu tun, aber irgendwann ist auch irgendwas getan und erledigt und dann sitzen die Leute herum. Frau Büser hat das aber ganz gut im Griff, sie teilt dann gerne auch Bereitschaften ein. Die Angestellten können dann Überstunden abfeiern und zu Hause bleiben oder früher gehen.
Das empfinden die Leute durchaus als Vorteil, der Nachteil liegt aber darin, daß man während der Bereitschaftszeiten nichts trinken darf und nicht großartig wegfahren kann, weil Gevatter Tod unberechenbarerweise jederzeit für „Nachschub“ sorgen kann.

Sagen wir es mal so: Wir haben genug Aufträge, um jeden Tag beschäftigt zu sein, aber die Aufträge kommen nicht so kontinuierlich, wie wir es gerne hätten. Stattdessen ist manchmal tagelang, im Sommer auch schon mal wochenlang Flaute und dann rappelt es wieder im Karton. Es scheint dann, als hätten sich ganze Rudel Sterbereifer sozusagen verabredet oder als sei Bruder Hein mal eben wieder durch unsere Stadt gezogen.

Das aber führt dazu, daß man als Bestatter im Grunde sogar Überkapazitäten bereithalten muß, denn hätte ein Bestatter jeden Tag, sagen wir mal beispielsweise zwei Verstorbene, so bräuchte er auch nur zwei Lagerplätze für Leichen, käme mit einem Aushilfsfahrer hin und bräuchte auch nur eine Kraft im Büro.
Aber an manchen Tagen hat er eben nur einen oder gar keinen Toten, an anderen Tagen hat er aber sieben oder acht. Und das muß ja erst einmal bewältigt werden können und die dafür erforderliche Logistik muß man im Grunde das ganze Jahr bereithalten.

Das ist auch der Grund, aus dem Bestatter sehr oft Familienbetriebe haben und noch häufiger mit Teilzeit- und Aushilfskräften arbeiten. So hat man es zwar mit einem recht großen Bestattungshaus zu tun, es läuft aber 150 Tage des Jahres sozusagen im Leerlauf.

Das muß man einfach wissen, wenn man sich zum Beispiel darüber wundert, warum es so schwierig ist, einen Praktikumsplatz in einem Bestattungshaus zu bekommen. Die internen Abläufe sind oft so fein aufeinander abgestimmt, daß das Mitschleifen eines Praktikanten störend und eine große Belastung wäre. Entweder tut sich in der Praktikumswoche im ungünstigsten Fall nicht viel oder es passiert so viel, daß alle so eingespannt sind, daß man sich nicht auch noch um einen Praktikanten kümmern kann.

Peter Wilhelm 2. August 2012


8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Schöne Einblicke in das Leben eines Selbständigen. Allzuoft vergisst man, was eigentlich alles noch auf einen zukommt.

    Auch im Bekanntenkreis gab es einige, die sich selbständig gemacht haben. Und da kann der Glaube, die Differenz zwischen Einkaufs und Verkaufspreis sei der Gewinn, sehr schnell in den Ruin führen.

    Und Gemälde in einem Bestattungshaus finde ich übrigens ne ziemlich coole Idee. Mach doch auch mal eine Vernissage. Kommt bestimmt gut an.

    Gruß
    Joe

  2. Und wer leistet Schadensersatz, wenn so ein Rembrandt weg kommt?
    Einbrecher ginge ja noch, dann zahlt die Versicherung, und die Bilder sind alle verkauft.

  3. Stellt Dein Galerist dann im Gegenzug Deine Särge aus? Man könnte ja über Aktionskunst nachdenken, zB im Sinne des Wiener Aktionismus…

  4. Warum nicht auch mal eine Ausstellung zur Sepulkralkultur in einer Galerie?
    Eine ausgewählte Sammlung von Fotos und Informationstafeln, unterbrochen von einigen Schmuckurnen und Modellen von Leichenwagen zum Anfassen für die Kinder vielleicht. Schild dran, „Unterstützt von TOM, bekannt von Buch und Bestatterweblog“.

    Kommt doch sicher unserer Absicht der Enttabuisierung entgegen und der Galerist kommt in die Zeitung mit einer aussetgewöhlichen Veranstaltung.

  5. „die Menschen kaufen eben nicht so oft Gemälde und Skulpturen wie sie Brötchen und Flachbildschirme kaufen.“

    Öhm, ich kaufe auch nur alle 10 Jahre mal ein Bild aber mein TV ist von 1985. Na gut, Brötchen gibt’s jeden Sonntag. 😉

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