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Der letzte Streit, wie gehe ich damit um?

Die folgende Mail erreichte mich gestern Abend und ich werde sie in zwei Teilen beantworten. Hier der erste Teil, der sich mit dem Thema „letzter Streit“ beschäftigt:

Hallo !
Ich habe eine Frage,ich weiß nicht wer mir da helfen kann..
Mein Vater wurde letzte Woche tot in seiner Wohnung gefunden.Der Arzt füllte den Totenschein nicht richtig aus und schrieb bei „Toteszeitpunkt“ nichts rein. Wir würden gerne eine Traueranzeige machen,nachdem er beigesetzt wurde,…doch,was soll man dann als Totesdatum schreiben?Den Tag als er gefunden wurde oder,weil die Kripo gemeint hat das er mind.schon bis zu 4 Tagen tot war,vom Fundtag 4 Tage weg rechnen ? Auch für mich ist es nicht einfach,eben weil ich weiß,das er an dem Sonntag beim Adventskaffee sicher schon tot war,aber wir ihn erst am Mi.gefunden haben…
Wir hatten vorher einen Streit,…habe mich 2,3 Wochen nicht mehr gemeldet…und ich konnte es nun nicht mehr mit ihm ins reine bringen :-( Wie werde ich damit fertig ?
Vielen Dank für die Antwort…

Das ist eine Überlegung, die mich immer dann sehr beschäftigt, wenn meine Frau und ich mal streiten und einer von uns im Zorn das Haus verlassen muß. Mir wäre es immer lieb, man könnte sich wieder versöhnen, bevor man auseinandergeht. Weiß man denn, ob man sich lebend wiedersieht? Soll denn dann der Streit das letzte gemeinsame Erlebnis gewesen sein?
Wie ist das mit Verwandten, die man länger nicht gesehen, nicht gesprochen hat?
Sollte man nicht ab und zu einfach aufeinander zugehen und versuchen, auf einer vernünftigen Basis miteinander umzugehen, selbst wenn der Stachel noch so tief sitzt?
Irgendwann kommt der Tag, an dem es zu spät ist, für die Versöhnung, die man auf irgendwann einmal verschoben hat.
Ich gebe zu, es gibt Arschlöcher da draußen, die sind es -gemessen mit unseren Mitteln- nicht wert, als daß man sich um sie schert und daß man sich mit ihnen wieder versöhnt. Ich persönlich habe eine immer länger werdende innere Arschlochliste, die im Moment von einer ganzen Sippe angeführt wird. Zwei-, vielleicht sogar dreimal in meinem Leben bin ich so schwer von denen enttäuscht worden, sodaß mir heute der Aufwand, der notwendig wäre, um das wieder zu kitten, einfach zu groß wäre. Ich habe keine Lust mehr auf solchen Stress, das ist mir viel zu mühsam.
Auf der anderen Seite kommen diese Leute jetzt in das Alter, wo man auch schon mal in Erwägung ziehen kann, daß die morgen in den Todesanzeigen stehen. Was dann? Was wiegt mehr? Die schönen Zeiten, die man miteinander hatte, das Vergeben und Verzeihen oder dieses momentane und andauernde Ablehnen?

Man wird nicht mit jedem Menschen auf dieser Welt in Frieden und Freundschaft leben können, vielleicht ist es sogar so, daß man immer auch jemanden braucht, an dem man sich reiben kann.
Aber wenn dann jemand stirbt, mit dem man „über Kreuz“ war und wenn man es dann bereut, daß man da einiges nicht ins Reine gebracht hat, dann gibt es hier und jetzt keine Möglichkeit mehr, daß noch nachzuholen.
Wir wissen nicht, ob es ein Jenseits gibt und ob es später noch einmal eine Gelegenheit geben wird, das vielleicht doch noch zu tun; und solange wir das nicht wissen, können wir hoffen und glauben, daß es vielleicht so sein wird, aber im Hier und Jetzt können wir nur etwas für uns selbst tun.

Denke über die schönen Zeiten nach, die Du mit Deinem Vater hattest, vergiss nicht die schlechten Zeiten, aber nimm die schönen und bewege sie in Deinem Herzen. Gibt es Fotoalben, Filme, Dinge, die Euch verbinden?
Erinnere Dich anhand dieser Dinge an die guten Zeiten, der letzte Streit ist unbedeutend, man kann sowas nicht mehr kitten. Doch das was Du an guten Erinnerungen in Deinem Herzen bewegst, das ist das, was auf Dauer bleibt.
Es liegt an Dir, welche Erinnerungen das sind!
Wenn Du meinst, daß da Dinge noch unausgesprochen sind, dann besuche das Grab Deines Vaters und erzähle es ihm. Sag ihm alles, was Dir auf der Seele liegt und Dich bedrückt. Er wird es nicht mehr hören können, wird Dir nicht mehr antworten können, aber es kann für Dich eine ganz wichtige Erfahrung sein, das alles einfach mal ausgesprochen zu haben.
Dann aber besinne Dich wieder auf die guten Zeiten und lasse den letzten Streit vorbei sein.

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Peter Wilhelm10. Juni 2012

12 Kommentare von 140489.

  1. Wenn du, Schreiber dieser Mail an Tom, eine weitere Möglichkeit in Erwägung ziehen möchtest: eine systemische Aufstellung kann bei sowas oft gut helfen. Zwar ist eine Bereinigung offener Fragen nach dem Tod eines Beteiligten immer schwieriger, aber in einer Aufstellung kann man vieles nochmal sagen.

    Mach dann aber möglichst eine Gruppenaufstellung, dann kann ein Stellvertreter für deinen Vater sprechen, das kann informativer sein als eine Einzelaufstellung.

    Für Fragen stehe ich da auch gerne zur Verfügung.

    Das als Vorschlag. Wie immer du es auch löst, ich wünsche dir alles Gute. Es ist lösbar, ich kenne dein Problem aus eigener Erfahrung. Ich schicke dir gute Wünsche!

  2. Ich bin sicher das dein Vater dich trotz des Streits lieb hatte, wie du ihn auch. Manchmal ist es eben nicht mehr zu ändern. So ist halt das Leben und es ist auch nicht schlimm. Dein Vater hätte dich ja auch anrufen können,oder? Der sitzt jetzt sicher irgendwo auf einer Wolke und lacht drüber. Ich glaub dran das man sich mal wiedersieht und diese ganzen Streitereien die man auf der Erde hatte als belanglos empfindet.
    Denk halt einfach an die schönen Zeiten die ihr hattet und wie ihr zusammen gelacht habt. Das hilft sicher!

  3. Bei solchen Streitereien sollte man sich einfachmal in die Tote Person hineinversetzen.

    Und jetzt kann man sich mal überlegen ob man als Vater dem Sohn verzeihen würde, sichmit ihm aussöhnen würde oder ob man will, das der Sohn jahrelang ein schlechtes Gewissen hat, weil er sich nicht mehr aussprechen konnte.

    Im Normalfall kann man sich sicher sein, das der Tote vergeben, vertragen sich aussöhnen würde, also braucht man auch kein schlechtes Gewissen zu haben sondern sollte sich bei dem Toten bedanken und mit Freude an ihn denken.

  4. Ich halte von Familienaufstellungen á la Hellinger überhaupt nichts und rate davon ab, sich in die Hände solcher Leute zu begeben. Weshalb ich das tue kann man u.A. hier nachlesen:
    [url]http://www.vachss.de/mission/berichterstattung/hellinger.html[/url]

    lio

  5. Ich beneide dich um diese Situation nicht. Hatte irgendwie, wenn man es so sagen kann Glück. meine Mum ist Ende November gestorben. Ihr Gehirntumor hatte bei ihr zu wesentlichen Wesensveränderungen gefürt. Sie wurde plötzlich teilweise recht bösartig und ist mit mir auch so umgesprungen. Nach einer Art Generalabrechnung wollte ich mich eigentlich komplett zurückziehen. Mein Pa hat mich aber dann zu einem Sinneswandel überzeugt. Meine Ma war eben krank. Und ich habs dann auch so gesehen und vieles einfach in den Skat gedrückt. Heute bin ich froh drüber, dass wir im Reinen waren als sie ging.
    Es ist ein Schei…situation, aber alle Selbstvorwürfe helfen da erst mal nicht weiter. Ich würde nach der Beisetzung etwas Zeit verstreichen lassen und dann an sein Grab gehen und mit ihm reden. Klar ist das nicht rational zu begründen, aber muss es dass???? Wenn es dir hilft ist das absolut ok.

    Was den Todeszeitpunkt in der Anzeige angeht denke ich wenn man schreibt „im 70igsten Lebensjahr eingeschlafen“ umschiffst du die ganze Diskussion. Ein falsches Datum ist irgendwie untunlich.

  6. In China verbrennt man symbolische ‚Gegenstände‘ aus Papier, um sie den Toten zu schicken. Daraus habe ich für mich abgeleitet, verstorbenen Leuten, denen ich noch unbedingt etwas zu sagen hatte, von Hand einen Brief zu schreiben und den dann restlos zu Asche zu verbrennen.

    Ich empfand das immer als extrem hilfreich.

    An meinen besten Freund aus Studienzeiten, der 1992 verunfallt ist, habe ich mehrere Male geschrieben (zuletzt 1997 am fünften Jahrestag seines Ablebens); an meine 2001 gestorbene Großmutter ein Mal.

    Jedes Mal habe ich beim Schreiben und Verbrennen des Briefes geheult wie ein Schloßhund; und jedes Mal ging es mir hinterher enorm viel besser, weil dieses ganze unausgesprochene und inkomplette Zeugs, das mich umgetrieben hatte, ausformuliert, ‚weggeschickt‘ und aus dem System war.-

  7. Familienaufstellung ist ja nicht gleich Hellinger. Das ist eine Methode der systemischen Psychotherapie und kann von einem seriösen und erfahrenen Therapeuten durchgeführt, sehr aufschlussreich sein.

  8. Finger weg von den „Familienaufstellungen“.

    Das ist böse, zynisch und widerlich. Es hilft auch ausschließlich den sog. Therapeuten und nicht den therapierten.

    Ansonsten, Tom: Schöner Text, steckt viel wahres drin und einiges kann ich auch für mich kleinen Hitzkopf mitnehmen ;)

  9. @qdata
    kann schon ein, aber hier erscheint es nicht seriös. Reiki und Hellinger werden oft zusammen genannt und LuS macht nebenher Reiki und ist keine Psychotherapeutin oä, wenn man mal auf die HP guckt. Tom ist das nicht Werbung, damit Spam? Nur mal so…

  10. Vielen Dank für die lieben Worte.Besonderst dir,Tom.
    Heute war die Beisetzung.Ich hab ihm ein Brief geschrieben und ihm mitgegeben.Später sind wir dann nochmal an das Grab,ich habe eine Laterne hin gestellt und ihm den Brief vorgelesen.
    Ich kann es nun nicht mehr ändern,doch die ungewissheit über die Umstände seines totes machen mich immernoch sehr traurig..weil ich auch nicht weiß ob er leiden mußte…
    Vielleicht hat er ja versucht,mich an zu rufen..? Aber seine Nr.hat es nicht angezeigt,seitdem er die neue Nummer hatte…ich weiß auch garnicht,ob er das wußte,das ich es nicht mehr sehe !? Vielleicht dachte er,ich will echt nichts mehr mit ihm zu tun haben und rufe deshalb nicht zurück..
    Was die Traueranzeige betrifft,wir haben jetzt nur jeweils den Monat und das Jahr genommen.Was den Tag „bestimmen“ angeht,betrifft ja „nur“ mich und ich weiß es echt nicht,was ich da als Tag nehmen soll…im Moment noch nicht.
    Liebe und traurige Grüße

  11. Meine Mutter ist vor drei Wochen gestorben und die letzten Monate waren zwischen ihr und meinem Vater alles andere als harmonisch. Ich habe sie leider etwas im Stich gelassen und sie nicht so oft besucht und mich gekümmert wie ich es hätte machen sollen; vielleicht hätte ich ihr etwas Lebensmut geben können, wer weiß. Sie ist vielleicht eine halbe Stunde, bevor ich sie das letzte Mal besucht habe, gestorben. Ihr Haar und Kopf waren noch ganz warm. Ich wäre in ihrer letzten Stunde so gerne bei ihr gewesen, ihr die Hand gehalten und ihr Trost gegeben; aber ich war nicht da und sie ist ganz mutterseelenalleine gestorben. Das kann ich nie wieder gut machen.

    Aber ich gehe auf ihr Grab und spreche mit ihr; ich erzähle ihr meine Gedanken und es tut mir einfach gut. Und irgendwie hört sie mich; nennt mich verrückt, aber sie ist mir neulich im Traum erschienen. Sie hat mir gesagt „Ich muß jetzt gehen. Du bist nicht Schuld“. Ist es mein schlechtes Gewissen, oder meine Mutter die zu mir gesprochen hat?

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