Neulich wurde eine steile These durch die Medien geprügelt: In Russland würden derzeit neue Bestattungsunternehmen aus dem Boden sprießen, wie die Pilze. Das habe seine Ursache in den vielen gefallenen Soldaten im Ukrainekrieg.
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- Fast 1.000 neue Betriebe in nur sechs Monaten
- Viele Bestatter gab es schon vorher
- Steuerrecht sorgt für neue Firmengründungen
- Natürlich entstehen auch neue Betriebe
- Bestattungen werden teurer
- Gleichzeitig sparen die Angehörigen
- Mehr Wettbewerb bedeutet sinkende Margen
- Was sagen die Zahlen über die Sterblichkeit?
- Mein Eindruck
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Das habe ich dann mal näher untersucht.
Wer derzeit die Wirtschaftsnachrichten aus Russland verfolgt, könnte leicht den Eindruck gewinnen, dort erlebe das Bestattungsgewerbe gerade einen regelrechten Boom. Innerhalb eines halben Jahres wurden fast tausend neue Bestattungsunternehmen gegründet – so viele wie seit Jahren nicht mehr.
Als Bestatter schaue ich bei solchen Meldungen natürlich genauer hin. Denn eine steigende Zahl von Bestattungsunternehmen bedeutet keineswegs automatisch, dass plötzlich deutlich mehr Menschen sterben oder dass sich mit Beerdigungen besonders viel Geld verdienen lässt.
Tatsächlich steckt hinter den Zahlen eine ganz andere Entwicklung.
Fast 1.000 neue Betriebe in nur sechs Monaten
Nach Angaben des russischen Unternehmensregisters wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 995 neue Bestattungsunternehmen oder Einzelunternehmer registriert. Das entspricht einem Plus von rund 22,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Insgesamt sind inzwischen rund 11.500 Anbieter von Bestattungsdienstleistungen registriert. Bemerkenswert ist dabei, dass mehr als vier Fünftel davon Einzelunternehmer sind. Wer nun vermutet, dass Russland einen explosionsartig wachsenden Bestattungsmarkt erlebt, liegt allerdings daneben.
Viele Bestatter gab es schon vorher
Ein erheblicher Teil dieser Unternehmen existierte nämlich bereits. Allerdings arbeiteten viele sogenannte Bestattungsagenten bislang ohne offizielle Registrierung. Sie bewegten sich in einer rechtlichen Grauzone, erledigten Vermittlungen und organisierten Bestattungen, ohne als Unternehmen erfasst zu sein.
Inzwischen hat sich die Situation geändert.
Wer heute Kartenzahlungen akzeptieren oder staatliche Zuschüsse abrechnen möchte, muss offiziell registriert sein. Gleichzeitig kontrollieren die Behörden deutlich stärker als früher. Das führt dazu, dass zahlreiche bislang informell tätige Anbieter nun offiziell in den Statistiken auftauchen.
Mit anderen Worten: Es gibt auf dem Papier mehr Unternehmen, obwohl viele davon schon seit Jahren tätig waren.
Steuerrecht sorgt für neue Firmengründungen
Ein weiterer Grund für den Anstieg liegt im Steuerrecht. Seit Anfang 2026 wurde die Umsatzgrenze für bestimmte steuerliche Vergünstigungen deutlich abgesenkt. Einige größere Unternehmen reagieren darauf, indem sie ihre bisherige Firma in mehrere kleinere Einzelunternehmen aufteilen.
Auch diese erscheinen anschließend als Neugründungen, obwohl sich an der tatsächlichen Marktgröße kaum etwas verändert. Die Statistik vermittelt dadurch einen stärkeren Zuwachs, als tatsächlich vorhanden ist.
Natürlich entstehen auch neue Betriebe
Ganz ohne echte Existenzgründungen geht es allerdings nicht. Vor allem ehemalige Mitarbeiter von Bestattungsunternehmen, Beschäftigte aus Leichenhallen oder selbstständige Fahrer wagen inzwischen den Schritt in die Selbstständigkeit. Der Kapitalbedarf ist vergleichsweise überschaubar. Viele beginnen zunächst mit der Organisation von Bestattungen oder übernehmen einzelne Dienstleistungen, bevor sie später ihr Angebot erweitern.
Das erinnert durchaus an Entwicklungen, die wir auch aus anderen Ländern kennen.
Bestattungen werden teurer
Die russische Statistik zeigt außerdem, dass die Bevölkerung zwischen Januar und Mai rund 57,8 Milliarden Rubel für Bestattungen ausgegeben hat. Die durchschnittlichen Kosten einer Beerdigung liegen in größeren Städten inzwischen zwischen 90.000 und 110.000 Rubel.
Auch dort steigen die Preise. Holz, Metall, Kraftstoff, Transporte und viele andere Kosten haben sich verteuert. Allein die Herstellung eines Sarges kostet heute durchschnittlich rund elf Prozent mehr als noch vor einem Jahr.
Gleichzeitig sparen die Angehörigen
Interessant ist jedoch ein anderer Effekt. Obwohl insgesamt mehr Geld für Bestattungen ausgegeben wird, entscheiden sich viele Familien bewusst für einfachere Abschiede.
Sie verzichten auf aufwendige Trauerfeiern. Sie wählen schlichtere Särge. Anstelle hochwertiger Granitgrabsteine werden häufiger preisgünstigere Ausführungen aus Beton bestellt.
Der höhere Umsatz entsteht also nicht dadurch, dass luxuriöser bestattet wird, sondern vor allem durch gestiegene Preise.
Mehr Wettbewerb bedeutet sinkende Margen
Hinzu kommt ein weiterer Effekt. Je mehr kleine Anbieter um dieselben Kunden konkurrieren, desto größer wird der Preisdruck. Aus Russland wird bereits über Rabattaktionen und regelrechte Dumpingpreise berichtet. Die Unternehmen versuchen, Aufträge zu gewinnen, obwohl gleichzeitig Material- und Personalkosten steigen.
Viele Bestatter setzen deshalb trotz höherer Umsätze kaum mehr Gewinn um als früher.
Was sagen die Zahlen über die Sterblichkeit?
Mancher Leser könnte nun vermuten, dass die steigende Zahl der Bestattungsunternehmen auf eine außergewöhnlich hohe Zahl von Todesfällen zurückzuführen sei. Dafür gibt es derzeit jedoch keine belastbaren Belege. Die offiziell veröffentlichten Sterblichkeitszahlen zeigen bislang keinen außergewöhnlichen Anstieg. Neuere amtliche Daten liegen derzeit nicht vollständig vor.
Aus den Unternehmenszahlen allein lässt sich deshalb keinesfalls auf eine dramatisch steigende Zahl von Sterbefällen schließen.
Mein Eindruck
Die Entwicklung in Russland zeigt sehr schön, wie vorsichtig man Statistiken lesen muss. Fast tausend neue Bestattungsunternehmen klingen zunächst spektakulär. Tatsächlich verbirgt sich dahinter aber vor allem eine Legalisierung bislang informell arbeitender Anbieter, eine Anpassung an geänderte Steuervorschriften und teilweise eine Aufspaltung bestehender Unternehmen.
Gleichzeitig kämpfen viele russische Familien mit steigenden Lebenshaltungskosten und sparen selbst beim letzten Abschied. Das führt dazu, dass Bestattungen schlichter werden und sich der Wettbewerb unter den Unternehmen weiter verschärft.
Von einem eigentlichen Bestattungsboom kann deshalb kaum die Rede sein. Vielmehr befindet sich der russische Bestattungsmarkt derzeit in einem tiefgreifenden Strukturwandel.
Bildquellen:
- russland_800x500: Peter Wilhelm












