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Pfeifkonzert

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Die meisten Trauerhallen haben heutzutage eine elektronische Orgel, einige wenige ein Harmonium und nur ganz wenige, große eine Orgel mit richtigen Orgelpfeifen. Wir haben in unserer Kapelle auch „nur“ eine elektronische und ich schreibe das NUR deshalb in Gänsefüßchen, weil die erschreckend teuer war, aber sie klingt auch gut.

Heute hatten wir eine Trauerfeier in einer 80 km entfernten Großstadt. Dort gibt es in der Trauerhalle eine echte Orgel. Der Pfarrer spricht seinen letzten Satz, nickt dem Organisten oben auf der Empore zu und der haut in die Tasten. Bald schon wird aus dem Choral eine Kakophonie. Ich kenne mich im Orgelbau nicht so aus, aber es scheint, als ob da eine ganze Reihe von Orgelpfeifen „gehangen“ hat. Das heißt, sie hörten nicht mehr auf zu tuten und zu piepen. Und es waren vor allem welche mit sehr hohen Tönen.

Der Organist versuchte noch, diesen Dauerton durch besonders einfallsreiches Spiel zu übertönen, dann aber zog er die Notbremse und schaltete wohl einfach das Gebläse der Orgel ab. Wie eine ersterbende Sirene jaulten die hängenden Pfeifen zu Ende, dann war Ruhe.

Es war ohnehin das Ende der Trauerfeier und der Pfarrer hüstelte nur, nickte dann den Trauergästen zu und so zog der Sarg eben ohne Orgelbegleitung aus.

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Peter Wilhelm 5. Februar 2014


11 Kommentare von 141328.

  1. passiert eben manchmal wenn die Orgel nicht gut gewartet wird, altes Öl schmierig wird, Staub in die Mechniken kommt, die Rückholfedern rosten oder brechen… Das passiert. Aber jeder Organist der das merkt wird sich entweder sofort selber ins Gebälk schwingen oder den Notruf beim Orgelbauer wählen.

    Ich zumindest würde irgendeine Ersatzlösung finden, ein Keyboard oder so etwas benutzen oder die entsprechenden Register abklemmen oder so. Mir wär's peinlich. Und wie peinlich muß es einem fest angestellten Organisten sein, der täglich mit der Orgel arbeitet und wissen müßte was sache ist?

    Naja. War denn der Mensch extern oder fest "am Haus" angestellt?

  2. Das sollte man sich schon leisten können. Einmal im Jahr kommt der ORgelbauer wenigstens. Wenn das Geld nicht da ist sollte man sich auf nem Friedhof gedanken machen.

  3. Friedhofsorgeln sind ein Kapitel für sich. Meist von einem kommunalen Träger bestellt, das allerbilligste Angebot ausgewählt, an der Pflege gespart (das heißt in aller Regel: ganz weggelassen). Heuler gehören dann natürlich zum Tagesgeschäft.

  4. @Moe: Das kann ich Dir leider nicht beantworten. Ich weiß nicht, ob der Organist "fest" ist. Dazu kommen wir zu selten zu diesem Friedhof. Bei uns in der Gegend sind es alles freie, meistens Kirchenmusiker, die sich da was nebenher verdienen. Diese wechseln sich auch oft ab. Manche unter denen sind wahre Genies, andere wiederum die letzten Gurken.

  5. @Friedhofsorganist: Da sagst Du was! Bis vor ein paar Jahren waren die alle gut in Schuss. Sogar ziemlich alte Geräte hatte man absolut in Ordnung. Aber mittlerweile sind die alle schon etwas tonschief.

    Bei einer Trauerhalle mit Pfeifenorgel hat man vor einigen Monaten eine vermoderte Taube aus einer Pfeife geholt, dann klang es wieder besser.

  6. Als mein Onkel – seines Zeichens Orgelbaumeister mit Schwerpunkt auf Restaurationen – starb, wollte der Bestatter meiner Tante unbedingt aufschwatzen, dass die doch die elektronische Orgel verwenden sollen, die schon auf dem Friedhof stünde. Ich bin dem fast an die Gurgel gegangen, als der das mehrfach doch sehr vehement vorgeschlagen hat.

    Man muss sich das mal klarmachen – 1 km vom Friedhof entfernt ist die Werkstatt mit ein oder zwei handwerklich spitzenmäßigen Truhenorgeln, der Verleih von den Dingern ist Routine – und dann soll auf der Bestattung eine elektronische Orgel spielen?

    Glücklicherweise hat sich meine Tante da auf gar keine Diskussion eingelassen.

  7. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Bestatter den Angehörigen die Abspielen einer CD vorschlagen, da das Bestellen eines Organisten zu teuer ist. Man solle doch lieber für den/die Verstorbene/n das Letzte tun, was man tun könnte und lieber einen etwas teureren Sarg nehmen.

    Es gibt nur wenige Angehörige, die sich von solchen Sprüchen nicht beirren lassen.

    Weiter sind die freien Redner darauf bedacht, Ihr Honorar für solche Trauerfeiern zu erhöhen und bieten den Angehörigen das Abspielen von CD-Musik an – berechnen dies aber nicht unwesentlich.

    Unter diesem Aspekt muss man sich als Organist überlegen, wie man künftig seine Honorare neu gestaltet. Dann hat nämlich "Live-Musik" einen anderen bzw. höheren Stellenwert.

    Von daher bekommt mein vorstehenden Kommentar eine neue Bedeutung.

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