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Praktikum beim Bestatter

Von
orgel

Frau Büser kommt in mein Büro und sagt: „Chef, da draußen steht ein Mann und will ein Praktikum bei uns machen.“
Das ist nichts Ungewöhnliches. Der Beruf des Bestatters hat in den letzten Jahren an Attraktivität gewonnen und sehr viele junge Menschen interessieren sich dafür. Nie war die Nachwuchslage in unserer Branche besser als zur Zeit.
Während andere Branchen auf „Job-Börsen“ und „Azubi-Messen“ um Auszubildende regelrecht buhlen, sind viele Bestatter inzwischen sogar ein bißchen genervt von den vielen Anfragen nach Ausbildungsplätzen.
Fernsehserien wie „Six feet under“, das Bestatterweblog und andere mediale Berichterstattungen haben den Menschen diesen Beruf entzaubert und enttabuisiert, so daß viele die grundlegende Abscheu vor dem Thema abgelegt haben und die interessanten und abwechslungsreichen Seiten dieses Berufes kennenlernen wollen.

Aber diese Botschaft von Frau Büser ist noch aus einem anderen Grund etwas Besonderes, Frau Büser ist nämlich nicht allein gekommen, sondern Antonia und Sandy befinden sich in ihrem Schlepptau und grinsen mich über die Schultern der Büserin hinweg an.

„Wir brauchen keinen Praktikanten“, sage ich kurz und will nach meiner Kaffeetasse greifen, da sagt Antonia: „Och Mönsch, Chef, gucken’se sich den doch mal an!“
Und Sandy fügt hinzu: „Der sieht aus wie George Clooney!“

„Welcher 16- oder 17-jährige sieht aus wie George Clooney?“ frage ich erstaunt: „Die sehen von hinten aus wie russische Kriegsgefangene in Opas letzter Gartenhose und von vorne wie der bunte Königspapagei mit einer nach oben geklebten Haartolle, aber nicht wie George Clooney.“

„Der schon“, bestätigt Frau Büser und deshalb werde ich dann doch neugierig und will mir den Hollywood-Star mal näher anschauen.

Die Hühner wollen hinter mir her, doch ich bleibe abrupt stehen, drehe mich auf dem Absatz um und verscheuche die neugierigen Weiber mit einem „Husch, husch!“

In der Halle steht, was soll ich sagen, da steht George Clooney.

Als der Mann mich sieht, geht ein Lächeln über sein Gesicht und er hält mir die ausgestreckte Hand entgegen: „Guten Morgen, mein Name ist Willi Terporten.“

Es ist also doch nicht George Clooney und wenn ich ehrlich bin, reicht die Ähnlichkeit des etwa 60-jährigen, schlanken Mannes auch nicht einmal für einen George-Clooney-Doppelgänger-Wettbewerb. Aber so auf den ersten Blick, kantiges Kinn, volle graumeliertes Haar, große Erscheinung; doch, die Frauen haben recht, irgendwie sieht er schon so ähnlich aus.

Ich bitte ihn mit einer Handbewegung zum Sofa in der Halle, lasse ihn Platz nehmen und setze mich in einen der Sessel.

„Ja also, um es kurz zu machen“, sagt er, „ich suche eine Praktikantenstelle.“

„Sie? In Ihrem Alter?“

„Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihnen nicht im Weg sein, ich muß ein sechswöchiges Praktikum machen, das kostet Sie nichts und ich käme eigentlich auch gar nicht her.“

„Was?“

„Ja, ich würde vielleicht mal zwei, drei Tage hier reinschnuppern, damit ich ein paar Eindrücke bekomme und hinterher etwas in meinen Praktikumsbericht schreiben kann, aber ansonsten wäre ich zu Hause bei meiner Frau und meinem Enkelkind.“

Dabei zieht Herr Terporten seine Brieftasche heraus und zückt das Bild eines goldigen kleinen Mädchens. „Jasmina“, sagt er, „mein ganzer Stolz. Sie kann jetzt schon Bagger und Garten sagen.“

„Ich verstehe nicht ganz, um was es geht.“

„Also, ich bin Versicherungskaufmann und möchte mit 62 Jahren in Rente gehen. Die Gesellschaft für die ich gearbeitet habe, hat mir ein attraktives Angebot gemacht und so konnte ich vor einem Jahr mit 60 ausscheiden. Ein Jahr haben die mir noch meine Bezüge voll weiter gezahlt ohne daß ich dafür etwas arbeiten mußte. Jetzt würde ich noch ein Jahr Arbeitslosengeld bekommen und dann eben mit 62 in Rente gehen.“

„Und?“

„Ich habe also zwei Jahre zu überbrücken. Ein Jahr zahlt die Firma, ein Jahr das Arbeitsamt.“

„Ja, weiter!“

„Und kurz nach Ende des ersten Jahres kam dann mein Jobvermittler auf die Idee, mich mit lauter angeblich besonders interessanten Jobs zu bombardieren. Immer unter der Androhung, mir meine Bezüge zu sperren, bestellte der mich in wöchentlichen Abständen ein, ließ mich stundenlang warten und servierte mir dann Jobs als Lagerarbeiter, aber 120 Kilometer entfernt, oder als Putzkraft in einem Supermarkt. Ja sogar als Versicherungskaufmann oder Finanzberater wollte der mich unterbringen, aber wenn ich den Firmen meine Bewerbungen schickte oder mich dort vorstellte und die mein Geburtsdatum gesehen haben, dann haben die nur abgewinkt oder mich ausgelacht. Einer hat gesagt: ‚Bis wir sie eingearbeitet haben, gehen Sie in Rente.‘
Dann hat mich mein Sachbearbeiter in die erste Maßnahme geschickt, IT-Lehrgang. Gut, kann man gebrauchen, obwohl ich am PC eigentlich ganz fit bin. Sechs Wochen jeden Tag bei einem zertifizierten Schulungszentrum. Danach mußte ich mich wieder bewerben und als auch diese Bewerbungen nichts brachten, kam die zweite Maßnahme, der Staplerschein. Ich kann also jetzt auch Gabelstapler fahren. Die nächste Maßnahme, die bald kommen soll, das ist der Schweißlehrgang. Und danach bieten die noch eine Kurzausbildung zum Haustechniker, also Hausmeister, an.
Ich bin dann also ein 62-jähriger staatlich geprüfter Hausmeister mit IT-Kenntnissen, Staplerschein und Schweißlehrgang. Wie gesagt, ich bin Finanzwirt und habe immer nur bei der Versicherung gearbeitet.
Jetzt ist der Sachbearbeiter in Elternzeit und seine Vertreterin sieht das alles etwas lockerer und hat mal den Hausmeisterlehrgang gestrichen. Dafür bin ich jetzt wieder in der Schule.“

„In der Schule? Mit 61 Jahren?“

„Ja, genau. Ich muß jetzt dreimal die Woche in ein Fortbildungszentrum, wo man mir und 16 anderen Arbeitslosen das Schreiben von Bewerbungen beibringt. Unter den 16 anderen Teilnehmern sind zwei ehemalige Personalleiter, ein Sparkassendirektor und der ehemalige Inhaber eines mittelständigen Maschinenbauunternehmens, der seinen Betrieb seinem Sohn überschrieben hat, sich dann anstellen ließ, um noch ein paar Jahre für die Rente zusammen zu bekommen und dann, so wie ich, noch ein Jahr Arbeitslosengeld mitnehmen wollte. Ich meine, wir haben unser ganzes Leben eingezahlt, ich war nie arbeitslos, nicht einen Tag. Und jetzt hat uns das Fortbildungszentrum in Berufspraktika geschickt. Wir müssen uns eine Praktikantenstelle suchen, dann kommt unsere Ausbilderin mit mir hierher und schaut sich an, ob ich mich auch hübsch bewerben kann.
Dann muß ich sechs Wochen einen Beruf kennenlernen und danach einen Bericht darüber schreiben, warum ich gerne in dem Beruf arbeiten würde.“

„Ist ja der Hammer!“ entfährt es mir.

„Ja, das ist es. Ich bin 61 Jahre alt, ich gehe in 6 Monaten in Rente… Ich weiß gar nicht, was der Quatsch soll. Gut, den Schweißlehrgang nehme ich noch mit, das kann man immer gebrauchen, wir haben ein Haus, da ist bestimmt mal was zu schweißen. Aber ansonsten schicken die mich und die anderen Vorruheständler von einer Maßnahme zur nächsten, nur damit wir aus der Statistik der Arbeitslosen raus sind. Ich will gar nicht wissen, wie viele Arbeitslose in solchen Maßnahmen stecken und gar nicht mitgezählt werden. Und was das alles kostet! Solche Lehrgänge sind ja nicht umsonst, die Institute lassen sich das sehr, sehr gut bezahlen.“

„Und jetzt müssen sie einige Wochen ein Praktikum machen und wollen das pro forma bei uns machen?“

„Ja, das geht schon in Ordnung. Der Abteilungsleiter vom Schulungsinstitut hat mich und den Sparkassendirektor und die anderen Älteren zu sich gerufen und klipp und klar gesagt, daß er uns versteht, aber auch nichts dagegen machen kann, daß wir in dieser Maßnahme stecken und ihm wäre es egal, ob wir die Praktika wirklich machen oder nicht. Hauptsache, ich darf mich im Beisein meiner Lehrerin bewerben und bekomme hinterher einen Stempel auf meine Praktikumsbescheinigung.“

Zwei Tage später kommt Herr Terporten mit einer etwa 25-jährigen Frau. Die junge Dame ist sehr freundlich und hält sich, Notizen machend, im Hintergrund, während Herr Terporten und ich eine klassische Bewerbungssituation durchspielen.
Ein zufriedenes Lächeln umspielt ihren Mund, als ich Herrn Terporten die Hand reiche und sage: „Dann versuchen wir es mal miteinander.“

Tatsächlich arbeitet Herr Terporten dann volle 14 Tage bei uns. Er findet den Betrieb und die Arbeit so interessant, daß er mir mehrmals sagt, dieser Beruf hätte ihm auch Spaß gemacht.
Er bekommt seinen Stempel und bringt mir am nächsten Tag eine Flasche Rotwein als kleines Dankeschön.

Schönen Ruhestand, Herr Terporten!


Peter Wilhelm 29. März 2016

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