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Quincy und die Leichenschau

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Wir kennen alle Jack Klugman, der zuerst als unaufgeräumter Sportreporter in „Männerwirtschaft“ mitspielte und dann als Dr. Quincy ohne Vornamen die Bildschirme erobert. Dr. R. Quincy ist Coroner, also ein amtlich bestellter Leichenschauer. Seine Rolle wurde aus Gründen der Dramaturgie um die Aufgaben eines Detektives bzw. Ermittlers erweitert.

Bei allem, was ich im Folgenden erzähle, ist zu berücksichtigen, daß es in den USA zahlreiche Unterschiede von Staat zu Staat und sogar von County (Bezirk) zu County gibt. Ähnlich ist die Situation der Leichenschau in Deutschland. Auch bei uns ist die Leichenschau nicht bundeseinheitlich geregelt. Ich versuche einmal wiederzugeben, wie es im Allgemeinen ausschaut, wobei das in Eurem Bundesland (Staat, Gruß an alle fernen Mitleser! 🙂 ) ganz anders aussehen kann.

Beginnen wir mit dem Aufgabenbereich eines Coroners.
Der Coroner ist in den USA (ihn gibt es in nahezu allen englischsprachigen Ländern in dieser oder ähnlicher Form) ein Angestellter des Staates oder Bezirkes und kommt einem Beamten gleich. Seine Aufgabe ist im Allgemeinen die Feststellung des Todes, der Todesumstände und der Todesursache. In einigen Staaten wir der Coroner auch bei der Feststellung des Geisteszustandes lebender Personen hinzugezogen. In vielen Staaten muss immer der Coroner die Leichenschau durchführen, in anderen Staaten der USA genügt es, wenn der Hausarzt den Tod bescheinigt und der Coroner wird nur hinzugezogen, wenn berechtigte Zweifel an der Todesursache bestehen.

Stets sind die Coroner aber besser auf ihre Aufgabe vorbereitet als die Ärzte im Allgemeinen. Hier wird oft argumentiert, dass in vielen Fällen der Coroner keine besondere diesbezügliche Ausbildung erhalten hat. Das liegt daran, dass in manchen US-Staaten das Amt des Coroners vom Sheriff wahrgenommen wird und Sheriffs werden in Amerika oft aus der Mitte der Bevölkerung gewählt.
Es gibt also auch dort viel Licht und Schatten. Im Allgemeinen ist aber die Leichenschau durch einen hierin geübten Spezialisten einer Leichenschau durch einen Hausarzt vorzuziehen.

Der Leichenschauer wird immer nach den „Todeszeichen“, (lat. Einzahl: signum mortis) suchen. Diese sind u.a.:

* weite lichtstarre Pupillen
* das Ausbleiben gehirngesteuerter Reflexe
* eine Null-Linie im EEG
* feststellbarer Kreislaufstopp in den Hirnschlagadern
* Totenflecke (Livores)
* Totenstarre (Rigor mortis, Leichenstarre)
* mit dem Leben nicht zu vereinbarenden Verletzungen (beispielsweise Abtrennung des Kopfes)
* die Zersetzung des Leichnams
* fehlende Atmung
* fehlender Puls
* Bewusstlosigkeit
* Abkühlung des Körpers
* Hautblässe
* komplette Lähmung aller Muskeln mit fehlenden Pupillenreflexen und sonstiger Areflexie
* Hornhauttrübung

Ohne im Einzelnen darauf eingehen zu wollen, wird schon bei der Lektüre der Liste klar, dass es sichere und unsichere Todeszeichen gibt. Ein abgetrennter Kopf ist natürlich sicherer als fehlender Puls oder fehlende Atmung, die auch bei lebenden Personen so diagnostiziert werden könnten.

Die reine Feststellung des Todes ist aber nur die eine Sache. Daneben soll der Leichenschauer auch feststellen, ob der Tod nicht durch Fremdeinwirkung herbeigeführt worden ist. Hierzu wäre eine ganz genaue Untersuchung des unbekleideten Toten bei heller Beleuchtung erforderlich.

Treten diesbezüglich Zweifel auf, wird der Leichenschauer die Todesursache als unnatürlich bzw. ungeklärt bezeichnen und ein rechtsmedizinisches Institut wird eingeschaltet, die Polizei und Staatsanwaltschaft verständigt und eine genauere Nachforschung durchgeführt.

In Deutschland ist die Situation in der Regel etwas anders.
Betrachten wir in erster Linie Haussterbefälle. Todesfälle bei denen Unfälle oder sonstige Ursachen eine Rolle spielen, die ohnehin die Einschaltung der Polizei erforderlich machen, landen oft schon vorsichtshalber im rechtsmedizinischen Institut. Auch bei Sterbefällen im Krankenhaus dürfte aufgrund der krankheitsbedingten Vorgeschichte die Verlässlichkeit der angegebenen Todesursache in den meisten Fällen recht groß sein.

Doch wie sieht es bei einem Sterbefall zu Hause aus?
Die Familie verständigt den Hausarzt, der kommt, untersucht den Toten oft nur oberflächlich, stellt den Leichenschauschein und die Todesbescheinigung aus, kreuzt „natürliche Todesursache“ an und den Rest erledigt ohne weitere Überprüfung der Bestatter. Es findet weder eine ordentliche Identitätsüberprüfung statt, noch wird der Verstorbene in den meisten Fällen überhaupt genau untersucht.
Man vertraut allein auf die Kompetenz der niedergelassenen Ärzte. Außerdem, so meint man, könne man ja jeden Toten bei späteren Zweifeln wieder ausgraben.
Aus diesem Grund wird bei Einäscherungen auch die so genannte zweite Leichenschau durchgeführt. Ein Amtsarzt oder Rechtsmediziner schaut sich in den Kühlräumen des Krematoriums jeden einzelnen Toten an, da nach der Kremation keine nachträgliche Untersuchung mehr möglich ist.

Stellen wir uns doch aber bitte einmal ein Szenario in Bayern vor.
Ein Mann ist gestorben, seine Familie hat ihn gewaschen, ihn in sein bestes „G’wand“ gekleidet, mit Unterwäsche, Hemd, Schlips, Jacke, Hose und Socken. So liegt er in der besten Bettwäsche in seinem Bett, die Hände gefaltet, einen Rosenkranz auf der Brust. Man hat Kerzen angezündet und den Pfarrer gerufen. Der betet mit der versammelten Familie.
So und jetzt kommt auch der Arzt, der den Tod feststellen soll.
Glaubt da wirklich jemand, dass der Herr Doktor den Toten noch einmal aus seinen Klamotten dübelt um den nacktem Leichnam einer genauen und eingehenden Untersuchung zu unterziehen?
Ich wette, dass es nicht mal bemerkt würde, wenn der Tote ein Messer im Rücken hat oder eine fußballgroße Schusswunde im Bauch hat. Geschweige denn würde festgestellt, ob er erstickt wurde, kleine Einstiche zwischen den Zehen hat oder ob er vergiftet wurde.

Hinzu kommt, dass die Verstorbenen oft lange krank waren oder dem Arzt mit ihrer Krankengeschichte bekannt waren. Meistens wird hieraus, wie selbstverständlich, auf die Todesursache geschlossen und jedwede weitere Untersuchung unterbleibt.

Ich kann gar nicht zählen, bei wie vielen Leichenschauen in Wohnungen ich persönlich dabei war. Oft rufen die Leute Arzt und Bestatter gleichzeitig an oder der Arzt kommt zu spät, sodass wir dort aufeinander treffen. Die Ärzte finden das meist gut, weil dann jemand da ist, der ihnen den Toten herumdrehen kann usw.
Aber in den seltensten Fällen durfte ich sehen, dass ein Arzt mehr tut, als nach den sicheren Todeszeichen zu suchen. Wenn der Tote nicht gerade eine Axt im Kopf stecken hat, wird bei einer so oberflächlichen Leichenschau ein Mord fast immer unentdeckt bleiben.

Ja es kommt noch toller!
Der eigene Hausarzt hat Urlaub, wohnt außerhalb oder es liegen sonstige Gründe vor, einen fremden Arzt zu rufen. Der kennt den Toten nicht mal und verlässt sich nur allzu oft auf die Angaben der Anwesenden, wenn es um die Identität des Toten geht. Wenn die glaubhaft versichern, dass da Franz Meier liegt, schreibt er auf die Totenpapiere Franz Meier drauf und der Bestatter bekommt einen Tag später amtliche Sterbeurkunden, dass Franz Meier verstorben ist.
Ist doch auch Scheiße, wenn zwei Brüder in einem Haus leben, der eine von der Sozialhilfe, der andere von einer hohen Pension und nun ausgerechnet der mit der hohen Pension abnippelt….. Man denke sich das selbst zu Ende.

Deshalb gilt meine Forderung: Wir brauchen definitiv eine gesetzlich geregelte ordentliche amtliche Leichenschau in jedem einzelnen Todesfall. Ich will den niedergelassenen Ärzten nicht unbedingt ihre Kompetenz absprechen und mir sind genügend Fälle bekannt, wo der Arzt einen „unnatürlichen Tod“ bescheinigt hat. Aber das darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß auf zwei entdeckte unnatürliche Tode wenigstens drei unentdeckte kommen dürften!

Jeder Tote muss von einem extra dafür ausgebildeten Leichenschauer untersucht werden, Körperflüssigkeiten müssen als Standard einer toxikologischen Untersuchung unterzogen werden und erst dann darf der natürliche Tode bescheinigt werden, oder eben nicht.
Kriminologen sprechen zwar bei Mord voller Stolz von einer 98%igen Aufklärungsquote, aber es können nur solche Morde aufgeklärt werden, die auch als solche bekannt geworden sind.

Deshalb brauchen wir unabdingbar mehr rechtsmedizinische Institute und mehr Quincys!


Peter Wilhelm 4. Februar 2014


16 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Öhm, ich glaube dein Link zu den Todeszeichen ist falsch, ich denke der soll auf Wikipedia gehen ?

    Grüße, TMX

  2. @Alphager: Ich denke mal, dass zwischen den Zehen eine Einstichstelle oder so etwas am seltensten bemerkt würde.

    100%ige Zustimmung. Ich finde auch nicht, das sowas morbide wäre. In etlichen anderen Nachbarländern wie den Niederlanden oder der Schweiz ist es viel besser geregelt.

    Auch bei alten und kranken Leuten wird garantiert in ein paar Fällen nachgeholfen. Wenn jemand tot ist, einen schicken Sonntagsanzug anhat usw. dann muss erhalt einfach nochmal rausgepellt werden.

    Toxikologische und serokologische Untersuchungen kostet aber ein Heidengeld und dauern manchmal mehrere Wochen. Da muss man sich was anderes einfallen lassen, wie halt eine sehr genaue Leichenschau. Die Untersuchungen dann natürlich wenn nötig auch.

  3. @Alphager

    vermutlich, dass da jemand dem reichen Erbonkel Gift gespritzt hat, und zwar so, dass es niemand merken soll. In die Armbeuge gespritzt sieht ja jeder, aber zwischen den Zehen guckt ja keiner.

  4. Oha.. ja.. so sehr hab ich da noch gar nicht drüber nachgedacht, aber recht haste.

    Ich kenn das auch so: (Haus)arzt kommt, ggf. wird der Tote entkleidet, einmal vorne, hinten, rechts, links fix geguckt. Mhm fertig, bitte sehr, tschüss

    Zwischen die Zehen gucken? Neee… aber immerhin entkleiden. Was jetzt wäre wenn er fix und fertig da liegen würd. Hmmm…

  5. Wir haben auch so einen Phatologen im deutschen TV.Und zwar Prof. Karl Friedrich Börner im Münsteraner Tatort.

  6. Toxikologische Untersuchungen bei jedem sind nicht machbar. Man muss schon wissen, was man mehr oder weniger sucht, ansonsten wäre der Aufwand für eine Rundumschau unglaublich riesig bei so vielen Toten jedes Jahr.

    Für die üblichsten Gifte gibt es ohnehin oft Anzeichen wie Hautverfärbung, Pupillenveränderung etc.

  7. Wenn man das so liest, möchte man ja am liebsten gar nicht mehr sterben, wenn nicht mal vernünftig untersucht wird, warum ich überhaupt gestorben bin. Soviel Aufmerksamkeit erwarte ich dann doch noch nach meinem Ableben. =(

    Mehr Quincys! Gibt's da 'ne Petition?

  8. Also ich finds auch erschreckend was man da so liest und ich glaube auch, dass das so abläuft. Trotzdem habe ich auch schon einen Fall im Krankenhaus erlebt, wo eine für mich dubiose Todesursache angegeben wurde und obwohl hier ja auch Untersuchungen vorgeschrieben sind hiess es dann einfach "Ja, das ist so wie das Krankenhaus es gemeldet hat" und Schluss.

    Ich denke, es hängt immer davon ab, wie pflichtbewusst die jeweiligen Leute ihrer Arbeit nachgehen – ist wie überall!

  9. @Matthias: Mit toxikologischen Untersuchungen meine ich im Wesentlichen, dass zunächst einfach nur Proben aufbewahrt werden. Ich denke auch, dass flächendeckende Reihenuntersuchungen zu weit führen würden. Man muss ja bei allem was ich oben schrieb auch immer die Kirche im Dorf lassen. Wenn so ein 97jähriges Mütterchen friedlich einschläft und die Gesamtumstände bekannt sind, würde auch ich weniger Aufhebens machen, als bei einer 29jährigen.

    Aber da liegt eben Vieles im Argen und allein schon das Wissen darum, dass auch noch Monate später anhand von Gewebeproben etwas nachgeprüft werden kann, würde die Sache schwieriger machen.

    Was ich noch gar nicht erwähnte ist die Möglichkeit Menschen einfach verschwinden zu lassen, wenn man einen Bestatter kennt und wie die Sache abläuft, wenn man gemeinsame Sache mit dem Arzt macht.

  10. Kann ich nur unterstüzen. Leider ist es aber so, dass eher gerichtsmedizinische Institute geschlossen als neue eingerichtet werden.

    Es kostet den Staat Geld und die Gerichtsmedizin ist hierzulande eher negativ behaftet. Hat sich vielleicht sei CSI und co geändert. Aber aufgeregte Bürgerproteste ruft die Schließung einer Gerichtsmedizin bisher nicht auf den Plan.

    Zudem bedeutet eine ordentliche Leichenschau für Krankenhäuser und Altenheime eine hohen Zeitaufwand. Man denke sich hierzu die derzeitige Überlastung des Gesundheitswesens durch Personalmangel, die es schon teilweise nicht schafft, den Lebenden gerecht zu werden…

  11. Deshalb soll die ordentliche Leichenschau ja auch von Fachleuten gemacht werden, die können das zügiger und sachgerechter als mancher Hausarzt.

  12. Da wollte ich heute eine Mail schreiben, weil es nirgends hier ein passendes Thema gibt und schwups, da ist es.

    Meine Frage: Kann man auch bei "natürlicher" Todesursache eine Obduktion beantragen/bekommen und wenn ja, wer zahlt das dann?

    Und was geht als natürlicher Tod durch? Ist es ein natürlicher Tod, wenn man als 30 Jähriger (oder 20, oder 40) einfach so Tod umkippt (evtl. Herzinfakt), oder wird da nochmal genauer hingeschaut?

    Ansonsten, ich bin auch fürs nachprüfen eines jeden Todes, wo darf ich eine Petition unterschreiben?

    (Und wenn mir die anderen Fragen die ich hatte wieder einfallen, dann gibt es vielleicht doch noch eine Mail.)

  13. Wenn wir schon bei Obduktion angekommen sind: Warum wird das Gehirn nach der Obduktion eigentlich in die Bauchhöhle gepackt? Pure Bequemlichkeit? Oder hat das einen tieferen Sinn?

  14. @Hulio

    zum Thema natürlichen Tod, folgende Story hat eine Dozentin von mir mal erzählt:

    Einer springt aus dem 9ten Stock und stirbt dabei. Notärztin schreibt auf den Totenschein natürliche Todesursache.

    Erklärungsversuch: Natürlich ist der Tot wenn er aus dem 9ten Stock springt.

    Scheint wohl immer so im Auge des Betrachters zu liegen 😉

  15. Eine Leiche liegt in der der Uni-Klinik. Totenschein v. Hausarzt: Natürliche Todesursache.

    Tod vor ein paar Tagen, Wittwe weint: er lag nachts neben ihr und tat einen Säufzer und war tot, die Reisepläne dahin, Nachbarn: so ein nettes älteres Paar, Familie: eine Musterehe, und sie hatten doch noch so viele zusammen vor.

    Studenten sind neugierig, haben grad nix zu tun, und dann liegt da diese Leiche rum, sie fangen das schnippeln, gucken, analysieren an.

    Das Telefon klingelt bei der Staatsanwaltschaft: mmhhm, ja, man wisse, das man eigentlich nicht so schnippeln und und so dürfe, aber nun mhm, der Tote wurde mit einer sehr hohen Dosis XYZ-Giftes umgebracht …..

    Damit war's ein Mord, der alles das nicht hatte, was man braucht: ein Motiv, Spuren, und vielleicht auch einen Verdächtigen (wem nützt es?) – der Mörder wird also bis zum Jüngsten Gericht warten müssen – er wird es nutzen.

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