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Schienensuizid: Nach Tagen noch Leichenteile gefunden

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Ich mache im Moment ein Praktikum bei unserer Zeitung und durfte neulich zu einem Einsatz unseres Lokalreporters mitfahren.
Letzte Woche hat sich in unserem Nachbarort ein tragisches Ereignis zugetragen. Die Tochter des Gastwirts hat Schienensuizid begangen.
Dir als Bestatter sind sicher diese Fälle bekannt. Für mich waren die Erlebnisse dieser Nacht schon besonders beeindruckend. Das Makabere ist allerdings, daß ich am nächsten Tag am Unfallort vorbei kam und sah, wie die Familienangehörigen an der Unfallstelle Fotos machten.
Am Abend habe ich dann erfahren, daß die Familie noch Leichenteile entdeckt, fotografiert und der Polizei vorgeführt hat.
Die Bahnstrecke mußte sogar nochmals komplett gesperrt werden, weil Polizei, Feuerwehr und Bestatter wieder auf den Schienen unterwegs waren.

Meine Frage: Darf so etwas passieren? Wer ist dafür verantwortlich, dass nicht „ordnungsgemäß“ gearbeitet wurde.
Du kannst dir sicher vorstellen, was dies für ein Schock war, Körperteile nach zwei Tagen zu sehen!

Ein Schienensuizid ist eine sehr dramatische Sache. Je nach Zug, Geschwindigkeit und Körperhaltung des Betroffenen kann es sein, daß er einfach zur Seite geschleudert wird oder aber vom Zug erfasst und überrollt wird.
Die Abläufe dabei möchte ich im Einzelnen nicht beschreiben.
Jedenfalls ist es so, daß die Leichenteile an etlichen Stellen des Zugwagens sein können und von Kilometer X bis Kilometer Y auf der Strecke liegen.
Das können auch ganz kleine Teil von der Größe eines Ohrläppchens sein…

Es kann durchaus passieren, daß bei der ersten Nachsuche nicht alles gefunden wird. Das gilt umso mehr, wenn der Suizid oder die Suche in der Nacht stattgefunden hat.
Es ist oft notwendig, daß man bei Tageslicht erneut sorgfältig nachsucht.
Das Bestreben ist es, gleich beim ersten Mal alles zu finden und mitzunehmen. Das klappt leider nicht immer, wie Du selbst erlebt hast.
Es ist immer von den jeweiligen Umständen abhängig, ob man davon sprechen kann, das das nicht „ordnungsgemäß“ gearbeitet wurde.


Peter Wilhelm 30. Juli 2012

30 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Bei allem gehörigen Respekt, aber wenn jemand hier Verantwortung zugewiesen bekommen soll, dann derjenige, der bei Nacht eine dermaßen zerfetzte Leiche auf einer Bahnstrecke hinterlässt. Bei denkbar schlechter Sicht auf einem Gelände, auf dem niemand ohne Gefahr für Leib und Leben arbeiten kann außer bei Vollsperrung des Bereichs.

    Und ich meine nicht den Lokführer! Der Kerl ist nun wirklich die ganz arme Sau bei der Geschichte. Aber das Thema hatten wir hier im Blog auch schon…

    • Du hast so recht. Beide Brüder von mir sind Lokführer. Beide haben schon jeweils drei solcher egoistischen rücksichtsloden Saukerle/Weiber mitgenommen. Ich habge kein verständnis dafür bei aller Depresion und Psychisch Krank sein, das sie irgendwann meine Brüder mit in den Tod nehmen. Ich hänge sehr an beiden und habe eine unbegreifliche Angst. Wie lange kann ein Mensch so etwas aushalten, ohne selbst dauerhaft Psychisch krank zu werden? Es gibt so viele auch sichere Möglichkeiten sich um zubringen. Warum müßen so viele andere mit reinziehen?

      • Früher gab es in den alten Straßenbahnen eine Sitzbank, von der aus man dem Fahrer über die Schulter schauen konnte. Da habe ich immer gern gesessen und vorn raus geschaut.
        Bei einer Überlandfahrt einer solchen Bahn ist uns mal ein Selbstmörder davorgelaufen. Wie alt war ich da, zwölf?
        Ich hatte nie Alpträume oder sowas. Aber ich erinnere mich sehr deutlich daran. Vor Allem, wie der Fahrer geschrien hat. Jedes Wort.

    • Also ich glaube nicht, dass man von Leuten, die aus – meist ja zutiefst subjektiven oder irrationalen Beweggründen heraus – entschieden haben, aus dem Leben zu scheiden, erwarten kann, dass sie bei der Wahl ihres Suizidmittels dann besondere Rationalität oder Empathie gegenüber anderen Personen an den Tag legen.
      Bei Leuten, die ihr Leben beenden, weil sie physisch schwer kank sind und die das tun, um sich selbst und anderen langes Leid und schwere Schmerzen zu ersparen, sieht das wahrscheinlich anders deutlich aus.

      • In richtiger Reihenfolge muss der letzte Nebensatz lauten: „sieht das wahrscheinlich deutlich anders aus.“

  2. Das Problem kann aber auch sein, das sich Teile der Leiche unten am Zug festhängen, so geschehen vor vielen Jahren in Oldenburg, als der Kopf der Leiche dann später bei der Zugwäsche eingeklemmt unter dem Zug gefunden wurde.

    Und ich finde es verdammt vermessen zu erwarten, das irgendwelche Bestatter oder Feuerwehrleute, die so etwas überwiegend FREIWILLIG und in ihrer Freizeit machen, dann noch genötigt werden, ein Leichenpuzzle zu machen, um zu gucken, ob auch ja alles da ist, damit irgendwelche anderen Leute am nächten Tag bloß keinen Schock bekommen, sollte da noch etwas Kleinteiliges rumliegen. Sicherlich ist es übel, aber wenn ich mir im TV die Nachrichten angucke und sehe, wie in anderen Ländern Menschen damit umgehen müssen, das fast tagtäglich in ihrer Umgebung Menschen zerfetzt werden und riesige Blutlachen herumliegen, das Kinder mit ansehen müssen, wie Verwandte und Freunde vor ihren Augen abgeschlachtet werden – dann frage ich mich ehrlich, was für eine Nation des „Wegguckens und bloß nicht mit was Unangenehmen konfrontiert werden!“ wir eigentlich sind.

    • Jap – sowas kann passieren. Früher natürlich häufiger, weil damals – insbesondere die Dampfloks mit ihren ganzen Gestängen – natürlich viel mehr „Verkeilmöglichkeit“ haben als solches modernes Stromlinienförmiges Geraffel wie die ganzen Triebwagen.

      Damals ist es übrigens auch häufiger vorgekommen, das man so einen Schienensuizid schlicht und ergreifend nicht mitbekommen hat, da das Lokpersonal ca. 20 Meter hinter der Zugspitze sitzen und es auch sehr laut auf einer Lok ist.

  3. Es wäre ja erst mal ein Unterschied, ob z.B. ein ganzer Arm offen auf der Böschung liegend „übersehen“ wurde oder ob ein Fetzen in der Größe eines Ohrläppchens im Gebüsch liegen geblieben ist…

  4. Was ich mich da frage: Warum um Himmels Willen machen die Familienangehörigen Fotos an der „Unfallstelle“? Und das so frisch nach dem Geschehen?

    Da werden sie keine Antworten auf das „Warum“ des Suizids finden und zur Trauerbewältigung trägt das sicher auch nicht bei. (Auch wenn man keine Leichenteile oder Blutflecken findet.)

    • Weil sie wahrscheinlich Kreuze, Kerzen, Blume etc aufstellen wollten am Ort des Geschehens, so wie es auch oft an Straßenseiten nach einem Unfall zu finden ist.

      Ob etwas zur Trauerbewältigung beiträgt oder nicht ist, denke ich, von Person zu Person verschieden.

      Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Teile der Familie kurz nach der Tragödie zum Ort des Geschehens will, um an diesem eine Erinnerung der geliebten Person zu hinterlassen und auch vielleicht davon dann Fotos zu machen, die sogar gerahmt irgendwo in der Wohnung hängen werden.

      Wenn man dann dabei noch feststellt, dass Teile übersehen oder nicht gefunden wurden, finde ich es ganz legitim dann direkt Fotos davon zu machen und Bescheid zu geben. Anhand der Fotos können dann auch die verständigten Behörden leichter die Stellen wiederfinden.

    • Das ist die eine Frage…

      Die andere ist, wollten die vor dem nächsten Zug hängen? Oder warum turnten die auf der befahrenen (!) Bahnstrecke rum?

      • Ich kann der ursprünglichen Nachricht an Tom nicht entnehmen, dass die Angehörigen auf den Gleisen unterwegs waren. Da steht was von an der Unfallstelle…

        • Wenn an dem Unfall ein Zug beteiligt war, dann war das im Gleis, zwangsläufig.

          nur so auf die Schnelle: http://www.youtube.com/watch?v=pPKsSVQt78k

          Zwischen den Schranken ists gefährlich. Entsprechend weit stehen die vom Gleis entfernt, und entsprechend ist schon mehrere Meter vom Gleis entfernt „im Gleis“ nach Eisenbahnersprache, weil man da mitgerissen werden kann.

          • Können wir uns vielleicht darauf einigen, dass wir einfach nicht wissen, wie weit von den Schienen entfernt die Angehörigen herumgelaufen sind?

            • Wissen wir nicht. Aber wir wissen, daß zur Bergung dieser Leichenteile die Bahnstrecke erneut gesperrt werden mußte. Was kein (US)-gerichtsfester Beweis ist, aber eine gewisse Wahrscheinlichkeit – und die reicht für eine „intime conviction“, nach französischem Recht, aus. 😉

            • 😉
              Ich gehe davon aus, dass bei jeglicher offizieller Tätigkeit (Feuerwehr, Polizei oder ähnliches) in der Nähe von Bahnstrecken die entsprechende Strecke ganz einfach profilaktisch aus haftungsrechtlichen Gründen gesperrt werden muss. Auch halte ich es für deutlich wahrscheinlicher, das Bestatter und Feuerwehr nachts Leichenteile neben der Strecke (etwa im Gebüsch) übersehen haben, als dass sie Leichenteile an der Unfallstelle direkt auf den Eisenbahnschwellen nicht gesehen haben. Aber wie schon gesagt, wir wissen es nicht, und darüber zu spekulieren lässt zwar die Zeit vergehen, aber auch sonst nichts. 🙂

    • Mir ist das gleiche auch passiert.Meine 17 jährige Tochter hat sich auch das Leben genommen (Schiensuizdid).Ich würde aber nie auf die Idee kommen an diese Stelle zu gehen schon gar nicht 1 Tag später.Hat man da nichts anderes im Kopf.Ich war voll mit Trauer u.Verzweiflung.Was erwartet man an dieser Stelle zu finden.Ich begreife dieses Verhalten nicht.Okay wenn man irgendwann ein Kreuz an dieser Stelle aufstellen möchte in Ordnung aber bloß aus Neugierde.

    • shark,
      da wir alle zum Glück, nicht die Angehörigen dieser Selbsttöter sind ,sollte man sich da keine Meinung zu bilden.Wir wissen nicht ob wir als Angehörige auch suchen würden Null Ahnung zum Glück.

  5. Und letztlich ist es auch der Notwendigkeit geschuldet, dass die Absuche nicht mit äußerster Gründlichkeit erfolgen kann. Ich habe etwas von zwei bis drei Stunden gelesen, bis so ein Personenunfall in der Regel „aufgeräumt“ ist, damit die Strecke wieder freigegeben werden kann. Man mag das für geschmacklos halten, aber da Schienensuizide leider etwas vollkommen Alltägliches sind, kann man sich nicht länger mit den Aufräumarbeiten aufhalten. Sonst würde wohl in Deutschland kein Zug mehr rollen.

  6. Wenn ich mich recht erinnere, wurde damals in Eschede das gesamte Gleisbett ausgebaggert um zu verhindern, daß „die vier großen Buchstaben“ irgendwelche Reste findet.

    • OTTO?
      IKEA?

      „Man“ kann und wird immer etwas finden, selbst wenn noch so sauber gearbeitet wurde….

      Es ist auf Friedhöfen schon vorgekommen dass Knochenteile etc. in „gebrauchter“ Graberde gefunden wurden, man erklärte das damit dass man die Erde nicht o fein sieben kann dass kleinste Splitterchen gefangen werden, den dann blieben auch Wurzeln, Würmer, Erdkrumen etc. hängen.

      Und nachts sieht man auf dem Gleis eh kaum was – trotz starker Scheinwerfer, man denke nur mal an die psychischen Belastungen der Einsatzkräfte – auch sie können mal was übersehen.

      Und die Brocken (f)liegen -je nach Anhalteweg des Zuges- so weit wie die Abfälle eines McDrive – etliche Kilometer durchaus bis in den nächsten Ort…

      Achso, ich war selber bei der Feuerwehr und hab meine Ausbildung bei der Polizei absolviert – solche Such-Jobs nach „Bahnunglück mit Personenschaden“ muss man nicht haben.

  7. Also wir hatten schon einige Bahnleichen.
    Einige sind noch komplett beieinander, haben nur Brüche oder Kopfverletzungen. Das sind meist die, die als „Unfall“ geführt werden.
    Bei Suizid sieht die Sache meist anders aus, weil sich der jenige oft quer auf die Schienen legt. Der wird vom Zug immer wieder hochgewirbelt und vom jeweils folgenden Räderpaar wieder überrollt. In diesen Fällen ist es oft so, dass die Teile sehr weit verstreut sind und nicht immer sichtbar im Gebüsch liegen.
    Insbesondere, wenn sich die Person einen ICE ausgesucht hat ist die Suchstrecke extrem lang.
    Auch muss man davon ausgehen, dass Bahngleise meistens schlecht zugänglich sind (der Verstorbene liegt ja letztlich nie auf einem Übergang sondern teils hunderte Meter dahinter). Ebenso, dass Bahngleise fast nie beleuchtet sind und es einen sehr großen Aufwand bedeuten würde, eine hunderte Meter lange Einsatzstelle auszuleuchten.
    Im Endeffekt läuft es bei uns (ich arbeite in NRW) meist so, dass die Bestatter und zwei Kripobeamte das Gleis ablaufen. Die Bestatter mit der Wanne, die Kripo mit Taschenlampen. Auf Hilfe der Schupos sollte man nicht zählen, die wollen keine Leichenteile sehen.
    Später geht meist noch mal ein Bestatter und ein Kripomann pro Seite die Randflächen ab.
    Wir rechnen für einen Bahneinsatz mit Suche etwa 2-3 Stunden.
    Wir haben es aber auch schon gehabt, dass wir Leichenteile aus der zentralen Zugwaschanlage der DB in Wiesbaden zurückholen mussten.

    • Ich habe im Bekanntenkreis 2 ehemalige Bahnmitarbeiter die nicht mehr damit klar gekommen sind dass ihnen in der Instandsetzung diverse Leichenteile unter den Zügen entgegen fielen.
      Nee, das braucht kein Mensch.

  8. Personen die sich von einen Zug springen denken nicht an andere. Sie sind so verzweifelt das es für sie der letzte Ausweg ist. Außerdem ist es leichter vor einen Zug zu springen, anstatt sich anders umzubringen. Sie machen es nur weil sie Angst haben das sie einen anderen suizidversuch überleben könnten.

  9. Ich habe am Montag in einem Zug gesessen der einen Menschen überrollt hat. Der / die hat sich unter der Achse verfangen wo ich gesessen habe. Ich konnte hören wie die Knochen zermahlen wurden. Das ist auch für uns in dem Wagon schlimm und nicht nur für den Lokführer.

  10. Ich arbeite in einer Werkstatt, auch wir haben mit soetwas zu tun. Der Lokfüher sieht es wie es passiert und wir das Ergebnis und dürfen alles wieder reinigen und finden auch so manches Körperteil.

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