Wenn die Leiche länger liegt – Tatortreiniger

Der Tatorteiniger: Bjarne Mädel ist es zu verdanken, und noch mehr der Autorin Mizzi Meyer, dem Regisseur und Mitideengeber Arne Feldhusen und dem Cutter Benjamin Ikes, daß die meisten Leute heute bei Tatortreiniger zuerst an die NDR-Serie mit Bjarne Mädel denken.
Dabei ist Tatortreinigung ein durchaus ernstzunehmender Beruf.
Der Tatortreiniger kommt, wenn der Bestatter die Leiche geholt hat, die Polizei den Fundort freigegeben hat und größere Spuren zu beseitigen sind.

Ein harter Job, der sehr viel Durchhaltevermögen und Know-How benötigt.

In der Branche rund um diese nicht geschützte und keineswegs amtliche Berufsbezeichnung tummeln sich absolute Spezialisten und Könner und auch ganz normale Putzdienste und Entrümpelungsfirmen.
Über die Qualität des Ergebnisses ihrer Arbeit sagt der vorherige Satz allerdings nichts aus.

Bevor es den Begriff Tatortreiniger gab, wurden auch schon Leichenfundorte und Tatorte gereinigt.
Das haben Reinigungsunternehmen gemacht, oder eben der Hausmeister, die Hausfrau, oder eben der, der sich dazu bereit erklärt hat.
Das kann mal der Maler gewesen sein, der eine verunreinigte Wohnung sanieren sollte, das kann aber auch ebensogut ein Bodenleger oder Zimmermann gewesen sein.

Wenn Menschen sterben, besteht immer die Möglichkeit, daß sie Ausscheidungen hinterlassen.
Sterben Menschen unter außergewöhnlichen Umständen, etwa durch ein Suizid mit Schusswaffe, entstehen Verunreinigungen, die mit der Todesart zusammenhängen.
Verstirbt jemand und wird nicht sofort gefunden und abgeholt, wird der Leichnam beginnen, sich zu zersetzen. Wasser, Fett und Körperflüssigkeiten dringen dann nach außen und sorgen für die entsprechenden Verschmutzungen.

Damit verbunden ist meist, aber nicht immer, eine entsprechend starke Geruchsentwicklung und ggfs. auch die Anlockung der verschiedensten Insekten.

Wie das denn früher war, möchte eine Leserin in einem Kommentar wissen:

Mal praktische Frage: solche Sterbeorte, wo Leiche länger gelegen hat, werden heutzutage ja idR von Tatortreinigern wieder her gerichtet.
Wie wurde das eigentlich früher gehandhabt, hatten da Vermieter oder Erben die große goldene A***-Karte und konnten schauen, wie sie die Räume wieder in bewohnbaren Zustand bekommen?
Ich habe die Bücher von Peter Anders gelesen, so ganz einfach ist es in Extremfällen ja wohl auch für Profis nicht, die Räume wieder „frisch“ zu bekommen, aber ohne Tatortreiniger (= Profis) kannste so ne Bude ja gleich abreißen?

Es ist durchaus eine falsche Annahme, zu glauben, nach einem Todesfall käme der Tatortreiniger, und schwups sei alles wieder blitzeblank.
Die Tatsache, daß es solche Unternehmen gibt, ist lange noch nicht zu jedermann durchgedrungen. Außerdem gibt es diese Spezialisten nicht überall.
Noch werden die wenigsten Leichenauffindungsorte von Tatortreinigern gesäubert. Ganz so günstig, so habe ich gehört, soll die Inanspruchnahme eines solchen Spezialisten auch nicht sein.

Gehen wir mal die Spielarten durch:

Du bist Vermieter und in einer Deiner Wohnungen lag wochenlang eine tote Oma. Irgendwelche Angehörigen hat sie nicht. Das Ordnungsamt wird sich um die weiteren Belange kümmern, der Fiskus wird Erbe.
In aller Regel, so zeigt die Erfahrung, ist da nichts zu holen.
Als Vermieter müßtest Du Dich auf eine langwierige und von wenig Aussicht auf Erfolg begleitete Reise machen, und die Reinigungskosten aus der möglichen Erbmasse einfordern.
Letztlich läuft es aber darauf hinaus, daß Du Dein Eigentum auf eigene Kosten wieder herrichten mußt.

In einem anderen Fall stirbt die Oma, liegt länger, hat aber zwei Neffen, die erben. Hier kann der Vermieter nun die Kosten bei den Erben einfordern, würde ich meinen.

Bei einem Mord oder Totschlag, aber auch bei einem Unfall mit Todesfolge kann meiner Auffassung nach der Täter bzw. Unfallverursacher zur Begleichung der Kosten herangezogen werden.

Nun zu der Frage, wer das früher gemacht hat. Das Meiste dazu habe ich oben schon gesagt.
In den allermeisten Fällen hat halt die Hausfrau, die Putzfrau oder sonst jemand die Reinigungsarbeiten vorgenommen.

Man muß sich mal vor Augen halten, wieviele Menschen schon gestorben sind, vermutlich sind auch in Deinem Haus schon ein paar Leute gestorben, wenn es kein recht neues Haus ist.
Und allein hier in der näheren Nachbarschaft lassen sich, wenn man die Alten befragt, einige Objekte ausmachen, in denen es Morde, Suizide und „Gammelleichen“ gegeben hat.
Alle diese Häuser sind inzwischen lange wieder bewohnt. Die jetzigen Mieter werden kaum wissen, was da vor 30 oder 40 Jahren passiert ist.
Jedes Haus hat seine Geschichte(n).

Die These, daß es Verschmutzungen gibt, die ein Normaler nicht wegbekommt, ist eher Marketing der Spezialunternehmen.
Viel eher gibt es Verschmutzungen, die man auf einfache Weise nicht wegbekommt.
Nehmen wir als Beispiel wieder die Oma, die wochenlang gelegen hat. Körperflüssigkeiten sind ausgetreten und durch die Dielen in den Fußboden aus Lehm eingesickert.
Hier nur oberflächlich zu Putzen, wird nicht ausreichen. Vermutlich wird man die Dielen hochnehmen und ablaugen müssen. Die darunter befindliche Deckenlage könnte u.U. auch ausgetauscht werden müssen.
Aber hier sind wir dann flugs wieder in dem Bereich, in dem normale Handwerker zuständig sind.

Leichen riechen lang, sagt man.
Das Erstaunliche: Wer den Geruch erst einmal in der Nase hatte, wird ihn auch wieder wahrnehmen, selbst wenn der betreffende Ort lange schon nicht mehr so riecht.
Lüften, Chlor und Salmiak helfen aber grandios.

Eine ganz ähnliche Situation hatten wir in einem Haus in unserer Familie.
Unten um Haus wohnten unsere Verwandten, im oberen Stock hatte eine fremde Frau Wohnrecht auf Lebenszeit.
Das Schicksal, der Alkohol und das Alter hatten der Frau übel mitgespielt. Schließlich verdiente sie sich den nächsten Zug an der Schnapsflasche durch Liebesdienste bei irgendwelchen Obdachlosen.
Die letzten zwei Jahre hat die Dame ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen. Kot und Urin wurden abgesetzt, wo immer es ging.

Ihr Schicksal deckt sich mit dem anderer Leute, über die hier im Bestatterweblog schon ausgiebig berichtet wurde.

Als die Frau verstorben ist, machten wir uns an die Instandsetzung der Wohnung.
Allein das Entrümpeln erforderte mehrere Großcontainer.
Um den scharfen Ammoniak-Geruch des Urins und den Stallgeruch des Kots aus der Wohnung zu bekommen, waren letztlich eine komplette Entfernung des Fußbodenestrichs und des Wandputzes notwendig.
Mit Chemikalien eingestrichen benötigte das freigelegte Mauerwerk aber immer noch fast ein Jahr des Dauerlüftens, bis der Geruch nicht mehr da war.

Oberflächliche Verschmutzungen, so übel sie auch sein mögen, sind -bewaffnet mit Gummihandschuhen und der geeigneten Schutzkleidung- eigentlich nur eine Frage von Wasser, Putzmittel und der eigenen Überwindung.
Eingesickerte Flüssigkeiten und daraus entstehende Gerüche erfordern oft viel mehr.

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Peter Wilhelm31. Juli 2017

6 Kommentare von 138942.

  1. Will jemand ein Wurstbrot? Ich hab grade eins übrig…

    • @Dieselalge:

      Danke für das nette Angebot, aber das ist sicher bald ….. *auf Datum und Uhrzeit guck* ….. ähnlich vergammelt wie die Oma. ;-)

  2. Diese Leute haben meinen Respekt. Sie müssen am längsten an den schlimmsten Orten arbeiten.

  3. „In einem anderen Fall stirbt die Oma, liegt länger, hat aber zwei Neffen, die erben. Hier kann der Vermieter nun die Kosten bei den Erben einfordern, würde ich meinen.“

    Ja, das sollte so sein. Wenn die alte Dame allein gelebt hat (wovon bei längerer unbemerkter Liegezeit wohl auszugehen ist), dass erben die Erben nämlich auch den Mietvertrag (siehe § 564 BGB). Innerhalb eines Monats können diese (aber auch der Vermieter) diesen Mietvertrag fristgerecht kündigen – aber vielleicht mag einer der Neffen die Wohnung ja tatsächlich übernehmen.

    Wenn ein Neffe die Wohnung übernehmen mag, dann muss er sich auch um die Reinigung kümmern. Wenn der Mietvertrag aber gekündigt wird, dann muss die Wohnung auch in einwandfreiem Zustand wieder zurückgegeben werden, und diesen Zustand müssen die Erben wiederherstellen.

  4. Die Frage war von mir gekommen – DANKE für die ausführliche Antwort.

    Leider ist es schon einige Zeit (Jahre) her, dass ich die beiden Bücher von Peter Anders gelesen habe, aber – soweit ich mich noch erinnere – muss in „schweren Fällen“ alles aus dem Haus, wo Leichenwasser oä eingedrungen ist.

    Und übrigens, Du wirst lachen: das Haus, in dem ich mich hier befinde, wurde 1900 gebaut, für kaiserliche Beamte. Leider weiß ich (bis auf das Dienstbotenzimmer mit extra Zugang zum Treppenhaus) nicht, welche Funktion die Räume damals hatten, aber ich habe mich schon oft gefragt, wer vor über hundert Jahren hier wohl darin gewohnt hat, und ja, ich habe mich auch gefragt, wo wohl damals der „Master-Bedroom“ (auf gut Neudeutsch) war, und ob und wie oft darin gestorben wurde.

    Eine Gammelleiche dürfte es hier allerdings höchstwahrscheinlich nicht gegeben haben, da ich nicht glaube, dass sich Holzbalkendecken (oder wie sich die damalige Bauweise genau nennt) so einfach austauschen lassen wie Beton, Estrich oä.

    Danke und LG, Christina

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