Anrufen kostet nichts

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p class=“initial“>Meine Frau sitzt nackt auf einem Kamel und reitet durch die ungarische Puszta. Ich fliege in etwa acht Metern Höhe über ihr und schwinge ein flammendes Schwert.
Am Wegesrand tauchen die häßlichen Fratzen meines früheren Mathematiklehrers und meines Sportlehrers auf, gefolgt von den geifernden Mäulern ehemaliger Vermieter und Nachbarn.
Hinter ihren Rücken tragen sie Keulen, Messer und brennende Fackeln. Ganz eindeutig wollen sie der reitenden Zigeunerprinzessin Ungemach antun.
Sie merkt es nicht! Warum merkt sie denn nichts?
Es ist an mir, meine Holde zu retten.
Plötzlich fliege ich nicht mehr allein und aus eigener Kraft sondern sitze auf einem fliegenden rosa Kaninchen, das sich mir als Elfriede vorstellt.

Was?

Was?

Warum singt Elfriede das Lied vom Tod?

Immer wieder klingt diese Mundharmonika-Melodie an mein Ohr und es dauert elendlich lang, bis ich begreife, daß die Allerliebste nicht nackt auf einem Kamel reitet, Elfriede verschwunden ist und ich aus einem Traum erwacht bin.

Wieder klingelt neben mir auf dem Nachttisch mein Handy mit dem Klingelton „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Irgendjemand wagt es, mich mitten in der Nacht auf dem privatesten meiner Privathandys anzurufen. Und wenn es diese Melodie ist, dann weiß ich, daß es einer meiner Mitarbeiter ist und daß es um einen Sterbefall geht.

Manni ist am Apparat, entschuldigt sich tausend Mal und bittet mich, ihm bei der Abholung eines Verstorbenen zu helfen, der andere Fahrer habe Durchfall und könne nicht kommen.
Ich sage irgendetwas zu Manni und bin mir nicht sicher, ob er das Genuschelte Mamifersch auch wirklich als „Ich mach mich fertig“ verstanden hat.
Eine Viertelstunde später ist Manni von zu Hause aus bei uns in der Firma eingetroffen und auch ich sehe halbwegs aus, wie ein Mensch.

„Die Frau hat vor zwanzig Minuten angerufen, der Mann ist gestorben. Der Arzt war schon da und wir sollen den Mann sofort abholen.“

Nochmals zwanzig Minuten später kommen wir in der Siedlung mit den kleinen Reihenhäusern an, dort irgendwo soll die angegebene Straße sein. Ja, da ist sie, und das Haus finden wir auch schnell.
Merkwürdig, alles dunkel.

Ich klingele. Nichts tut sich.
Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich.
Ich drücke nochmal auf den Klingelknopf. Wieder scheppert drinnen eine schrille Glocke.
Endlich geht oben Licht an, dann auch im Treppenhaus.
Kurz darauf öffnet sich ein Treppenhausfenster direkt über der Haustüre.
Eine Frau steckt ihren Kopf heraus, um den sie sich ein Haarnetz gebunden hat. „Ja, was iss’n?“

Ich stelle uns vor.

„Watt? Bestatter? Habt ihr Steine im Kopp?“

„Wir sind angerufen worden. Hier soll jemand verstorben sein.“

„Ich hab euch nich‘ angerufen und hier is‘ auch keiner tot. Haut ab! Frechheit, sowas! Mitten in der Nacht!“

Manni und ich entschuldigen uns und schauen uns ratlos an.
Falsche Hausnummer?

Manni deutet mit dem Kopf zum Haus gegenüber. Da brennt oben noch Licht und es war auch jemand am Fenster.

„Ob es da ist?“ frage ich ihn. Er guckt mich ratlos an: „Ich hab keine Lust, in dieser Nacht noch jemanden zu wecken, wenn’s dann wieder blinder Alarm ist.“

„Und ich hab keine Lust, mir einen Auftrag durch die Lappen gehen zu lassen.“

Wir klingeln am Haus gegenüber, diesmal ist es Manni, der seinen Finger auf den Klingelknopf drückt.
Tief macht es Dingdong im Haus und erstaunlicherweise geht das Licht oben aus, statt das jemand herunter kommt.

„Laß gut sein!“, sage ich: „Hier sind wir auch falsch. Gib mir mal die Telefonnummer. Du hast Dir doch aus Sicherheitsgründen die Telefonnummer geben lassen und zurückgerufen?“

„Was meinen Sie denn, Chef? Natürlich hab ich zurückgerufen. Ich laß mich doch nachts nicht verarschen.“

Vom Handy aus wähle ich die Telefonnummer auf Mannis Zettel. Erst meldet sich keiner, doch dann geht jemand ran.
Ich sage: „Wir sind vom Bestattungshaus. Sie haben uns angerufen, machen Sie doch mal auf, wir stehen vor Ihrer Tür.“

Eine hohe Stimme sagt: „Hier sind sie falsch, Sie müssen nach gegenüber, ich wohn‘ gegenüber und hier ist ein Mann tot.“

Moment mal, da kann was nicht stimmen! Ich wohn‘ gegenüber? Eine hohe Stimme? Ich begreife: Das ist keine Frau, das ist ein kleiner Junge, der uns da angerufen hat!
Kaum ist diese Erkenntnis in mein immer noch schlaftrunkenes Hirn vorgedrungen, geht die Haustüre auf und ein junger Mann im Schlafanzug steht vor uns: „Was wollen Sie denn hier um diese Zeit. Men in Black, oder was?“

Mir fällt nichts anderes ein als: „Nee, wir haben ja keine Sonnenbrillen…“

„Wass’n los`“ will der Mann wissen.

Wieder sage ich: „Wir sind vom Bestattungshaus, uns hat jemand angerufen und zum Haus gegenüber bestellt…“
Weiter muß ich gar nicht sprechen, denn der Mann dreht sich um und ruft mit donnernder Stimme ins Haus: „Luuuuukassssss!“

Wenig später sitzen wir im Wohnzimmer der Familie, auch die Mutter ist mit verquollenen Augen dazugestoßen und halten Strafgericht über einen mageren blonden Buben, der unter der Knute der erwachsenen Übermacht eingesteht, daß er den „alten Deppen“ von gegenüber eins hat auswischen wollen.

Die älteren Herrschaften hatten Lukas bei irgendeiner kindlichen Übermütigkeit erwischt und daheim bei den Eltern abgeliefert, dafür hatte der Junge auf Rache gesonnen.

„Ich komm‘ natürlich für alle Kosten auf“, erklärt uns Lukas‘ Vater, doch ich winke ab.
Für sowas, so ärgerlich das auch ist, nehmen wir kein Geld.

Vielleicht stirbt bei denen irgendwann der Opa und dann erinnern sie sich an uns, kann ja sein.

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  • Veröffentlicht am: 2. Juli 2015
  • 14 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

14 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Also ich hätte mir den Buben aushändigen lassen und den im Sarg abtransportiert. :-)

    (Natürlich vorher mit dem Papa heimlich ausgemacht, daß er den am nächsten Tag wieder unversehrt wiederbekommt.)

  2. Kann ich euch mal anrufen, wenn mir die Cola ausgegangen ist? So heute Nacht bspw.? :)

  3. Also solch merkwürdige Visionen hatte ich vor 30 Jahren als ich eine Bewusstseinserweiternde Zigarette geraucht hatte,träumen möchte ich so etwas dann doch lieber nicht :-)

  4. -Schwerstmißbrauchopfer!Vom Gewaltopfer zum Täter degradiert. Amtsmißbrauch“unvorstellbar“:sehr hochgradige Korruption. Schwerste Rechtsgutverletzungen ohne Unterlass! Parteiverat,Justizhochverat,Vorsatz,Schwerstbedrohungen von schweren: (Medienbekannten!)“organisierten“schwerstkrimineller“ORGANISATIONEN“. Vorsätzlich!“SEHR“ hohe:Justiz/-Amtsmißbräuche mit willkürlichen Vortäuschungen ,zu anderen Behörden.Schwerstverdunklungen,Versicherungsbetrug durch Unterlassene Hife und viel“krasseres“! Ich weiß leider,zu viel und dies wissen alle“falschverurteilende:“auch“>ohne Zweifel! Darum erfolgten,nachweißlich unter täglichen u,tatsächlichen!Schwerstbedrohungen“unterdrückt“!zusätzliche:Schwerstmehrfachdrohungen,noch:hinzu.Entrechtung ,ver(ge)waltungen,Freiheitsberaubung und viel mehr. Nicht!ermittlungen,weitere Gewaltangriffe/Fremd-KV reichlich,PräventionsUNtätigkeit, trotz informationen der katastrophalen Situation.Habe keinerlei Schutz erhalten:der bereits:2008!hätte auf mich gelegt,werden MÜSSEN!(Kommentar von höheren Rechtsoptionen) Vielleicht findet sich sehr schnelles Interesse,zum Geldaufsammeln>NUR an Personen ,auch a.D.,Die so schweren Rechtsbruch und Antsmißbrauch>VERACHTEN!Alles hier dargelltes ist sehr „untertrieben“!Die: geltend,zu machenden Ansprüche sind sehr:hoch!Freie Einigung“selbstverständlich“für diejenigen(Volljuristen a.D.>geradlinig vom Grundsatz, unbedingt erwünscht!)Schnellhilfe um noch „schlimmeres“,zu unterbinden,wäre“höchstdringendst“,bevor ich nicht:mehr sprechen kann.DANKE!

  5. Da will doch einer die Seite hier bei Google schlecht machen… Wo isn der Hausmeister, wenn man den mal braucht…

  6. Also, vielleicht liegt das an der Uhrzeit oder an der Hitze, aber für mich klingt der letzte Satz ja schon ein bisschen nach einer Drohung. O.o ^^

  7. Hallo Peter,
    ich lese regelmäßig fast zu Anbeginn Deinen Block und erfahre erst jetzt, dass wir bezüglich des Klingeltons vom „Händi“ den gleichen Geschmack haben.
    Ich hab auch in der Öffentlichkeit des öfteren seltsame Blicke erhascht, ups, wird das jetzt mit „ch“ oder „sch“ geschrieben, na egal, die Blicke sind jedenfalls für mich immer köstlich.

    Gruss Jan

  8. Also ich hätte ’ne Visitenkarte dagelassen, „falls mal was ist, wir kennen den Weg ja schon“.

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