Hanna und Ferdi

Die Geschichte, die ich heute erzählen möchte, liegt schon viele Jahre zurück. Es war Anfang der 80er Jahre als Herr Tekopen die Bestattung für seine Frau Ingrid bestellte. Ich muß das dazu sagen, denn sonst würde man sich über die Geburtsdaten wundern und den Menschen ein falsches Alter zuschreiben.

Es saß also Franz Tekopen in meinem Büro und bestellte die Bestattung seiner Frau Ingrid. Soweit lief alles völlig normal, es schien ein ganz normaler Auftrag zu werden. Doch dann kam eine dieser Stimmungen auf, bei denen man sofort fühlt, wie es weitergeht, daß es weitergeht, daß da den Menschen noch etwas im Herzen brennt, was jetzt raus muß.

Die Trauer lockert die Gefühle, längst vergessene, längst verdrängte Gefühle.

Eben sprachen wir noch über die Zahl der Trauergäste und Herr Tekopen hatte gesagt: „Ach, da kommen nicht viele, ein paar Nachbarn, einige Freunde und die Familie. Aber das sind nicht mehr viele.“ Er seufzt, hebt kraftlos die Schultern und sagt: „Sie wissen ja wie das ist, je länger man lebt, umso kleiner wird die Familie, die sind ja alle schon tot.“

Ich schaue ihn nur an, unterbreche ihn nicht und dann zählt er auf wieviele Nachbarn es wohl sein werden, wieviele Freunde und Bekannte, er kommt auf ein Dutzend Personen. Von der Familie kommen seine Kinder und deren Ehepartner, die vier Enkel und natürlich seine Schwester Hanna, sein Bruder Aloys… „Tja, und das waren sie schon alle…“

Er stockt, sein Gesichtsausdruck nimmt harte Züge an, er schiebt das Kinn vor und preßt die Lippen aufeinander.

Ich schaue ihn immer noch an und weiß, daß er mir jetzt irgendetwas erzählen wird. Die Leute erzählen mir immer alles, wenn ich will. Das war schon immer so und meine Frau meint heute, das sei eine Gabe, es läge an meiner ruhigen Art, der Ruhe die ich ausstrahle und vor allem daran, daß ich zuhören kann.

Herr Tekopen öffnet den oberen Knopf seines Hemdes, nimmt einen Schluck Kaffee und sagt mit trotzdem trockener Stimme: „Ja und da gibt es noch meinen Bruder Ferdi.“

„Mein Bruder Ferdi… Ich weiß gar nicht wirklich ob der noch lebt…“

„Sie wissen nicht, ob ihr Bruder noch lebt?“ frage ich erstaunt und Herr Tekopen nickt langsam.

„Ja, das ist so eine Sache, wir haben seit fast dreißig Jahren keinen Kontakt mehr…“

Und genau in diesem Moment öffnet sich sein Herz, zerbricht die Kruste, die viele Jahrzehnte gebildet hatten und Tekopen fängt an zu weinen, bitterlich, herzzerreißend und es dauert lange bis er sich wieder halbwegs im Griff hat.

Dann erzählt er mir die ganze Geschichte.

Meine ganze Familie stammt aus dem Ruhrgebiet. Meine Schwester Hanna wurde 1912 geboren, ich bin von 1916. Insgesamt waren wir zehn Kinder, zwei sind ganz klein schon gestorben und ein Bruder ist aus dem Krieg nicht wiedergekommen. Ich sagte ja schon, von den übrigen lebt außer Hanna und Aloys keiner mehr und ob Ferdi noch lebt, weiß ich nicht.

Meine Schwester hat 1931 den Gärtnermeister Heinrich Lussner aus D., einer Kleinstadt im Rheinland, und war dorthin gezogen. Die Familie Lussner betrieb seit Generationen einen gutgehenden Gärtnereibetrieb mit etlichen Feldern und Gewächshäusern. Neben einer Landschafts- und Friedhofsgärtnerei gab es auch ein schönes, großes Blumengeschäft in Friedhofsnähe.

Bald schon kam auch Nachwuchs, die Kinder Armin und Rosalinde wurden geboren. Hanna entwickelte sich prächtig in dem großen Betrieb und trotz der Mehrfachbelastung als Mutter und Hausfrau, wurde sie unentbehrlich im Betrieb. Die Tage begannen früh und endeten spät im Hause Lussner und wenn alle anderen Menschen schon lange gemütlich zu Hause saßen, standen Hanna und Heinrich noch im Betrieb und richteten die Ware für den kommenden Tag. Hanna erntete für ihren Fleiß und unermüdlichen Einsatz die Hochachtung der gesamten Familie.

Man kann sich gar nicht vorstellen, was diese Frau leisten musste! Die hatte die zwei kleinen Kinder, das große Haus und den Riesenbetrieb! Die Friedhofsgärtnerei, den Blumenladen, zwei Marktstände und die ganzen Gewächshäuser. Hanna hat immer nur gearbeitet, von früh bis spät. Aber sie hat sich nie beklagt. Immer war sie fröhlich und gut gelaunt.

Das sollte sich aber bald ändern.

Hannas Mann brauchte nicht an die Front, ich weiß gar nicht mehr genau, was der hatte, aber irgendwas hatte der, ich glaube mit dem Fuß oder dem Bein, jedenfalls lief der etwas schwer. So kam es, daß er sich noch weit bis in den Krieg hinein um sein Gemüse kümmern konnte. An Blumen dachte in diesen Jahren kaum einer, das meiste was die zu tun hatten, war mit dem Gemüse.

Jeden Tag und jede Nacht zogen die Bomber der Alliierten über D. hinweg in Richtung Köln und Ruhrgebiet. Mehrmals war auch schon Düren das Ziel alliierter Bomben gewesen, doch nun war man schon einige Monate verschont geblieben.
Im Rundfunk wurden die Bomberverbände schon früh angekündigt und die Sirenen heulten in ihrem entnervenden Auf und Ab, wenn die Flugzeuge näher kamen. Die Menschen in den dichter bebauten Teilen der Stadt gingen dann in die Luftschutzkeller.
Aber der Heinrich ließ sich von den Bombern schon lange nicht mehr beeindrucken. Er hat immer gesagt, die Äcker liegen direkt beim Friedhof und wer bombardiert schon Gräber.
So ging es Tag für Tag. Das tiefe Brummen der Bomber kam immer näher und Heinrich Lussner stand auf seinem Feld. Er hatte immer viel zu tun, denn alle seine Männer waren an der Front und Fremdarbeiter wollte er keine „Die fressen mir die Frucht gleich vom Feld und scheißen in die Pflückkisten“, hat er immer gesagt.

Wenn die schier endlosen Ketten der riesigen Bomber in großer Höhe über ihn hinweg zogen, hielt er nur kurz inne, zählte manchmal mit und machte sich Gedanken, wohin sie wohl fliegen würden. Die Kruppschen Industrieanlagen in Essen und die Hochofenanlagen in Duisburg waren wohl die wichtigsten Ziele, dachte er sich.
Anfangs hatte er noch notdürftigen Schutz unter einem der Obstbäume gesucht, wenn die Flieger einmal tiefer als gewöhnlich einflogen. Vor allem die kleineren Maschinen machten ihm hin und wieder doch Angst. Die großen Bomber blieben immer weit oben, wegen der Flak, aber die kleineren Jagdmaschinen…

An einem Tag im Jahr 1944 war mein Schwager wieder draußen und schimpfte noch, weil ihm die Leute wieder einen Teil seines Feldes leergeräumt hatten. Obwohl der Krieg noch sehr jung war, war die Versorgungslage in manchen Gegenden alles andere als rosig. Wie schlimm es noch kommen würde und wie lang dieser Krieg noch dauern würde, ja das hat mein Schwager nicht mehr erlebt.

Er war also da draußen als die Bomber kamen und dieses Mal flogen sie nicht weiter. Über 90% der Stadt sind zerstört worden und von meinem Schwager hat man nicht mehr viel gefunden. Ob es ein Tiefflieger war oder eine Bombe, das weiß man nicht…

Für meine Schwester Hanna war das die Katastrophe ihres Lebens. Von Stund an stand sie alleine da mit den Kindern, dem Betrieb und dem Haus. Das Schlimmste für sie war es, einen leeren Sarg beerdigen zu müssen, nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, von ihrem geliebten Heinrich Abschied nehmen zu können. In diesem Moment dachte sie nicht daran, wie es weiter gehen sollte. Irgendwie würde es schon gehen, denn irgendwie musste es gehen.

Doch dann kam Ferdi unser Bruder nach D.
Mit dem Fahrrad von Düsseldorf, stellen Sie sich das mal vor! Der war auf Heimaturlaub oder so, jedenfalls konnte der nur ein paar Tage bleiben. Er half Hanna so gut er konnte, auch wenn es nur ein paar Tage waren. Hanna hatte gesagt: „Ich bin dir so dankbar, Ferdi, dass du gekommen bist. Aber was wird wenn du wieder weg bist, wie soll ich bloß mit allem fertig werden?“
„Mach dir keine Gedanken, Hanna. Wenn der ganze Salat vorbei ist, dann komme ich sofort und helfe dir. Das kann doch nicht mehr lange gehen“, hatte Ferdi gesagt und er konnte nicht ahnen, daß für ihn der Krieg schon 4 Monate später vorbei war. Ein Granatsplitter in der Schulter machte ihn kampfuntauglich und bescherte Ferdi die Rückfahrkarte von der Front heim ins Reich. Damals waren manche richtig froh, wenn sie was abbekamen… Man kann sich das gar nicht vorstellen.

So kam es also, daß unser Bruder Ferdi damals zur Hanna kam.

„Und wie kommt es, daß sie ihn so viele Jahre nicht gesehen haben?“

„Tja“, sagt Herr Tekopen, „das kam so…“

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 15. Mai 2008
  • 23 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

23 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Immer diese Cliffhanger!

    Von Martina fehlt auch noch die Fortsetzung!

  2. … to be continued!

    Vermutlich hat er Haus und Hof der Schwester verspielt! Aber das werde ich nach der Fortsetzung von Martina und Konsorten ja zu lesen kriegen… ;-)

  3. *grummel*

    Ich verklage den undertaker wegen seelischer Grausamkeit.

  4. Tom du schreibst hier einen Cliffhanger nacheinander, aber einen Abschluss für Martina, der „noch am selben Tag kommt“, den haben wir immer noch nicht :(

  5. „Immer diese Cliffhanger!

    Von Martina fehlt auch noch die Fortsetzung!“

    Ich schliesse mich an. Allerdings: nicht nur von Martina fehlt die Fortsetzung, wenn ich mich nicht ganz arg täusche – da sind imho noch einige Geschichten offen…

  6. *Ahhh* Meine Ohnmacht macht mich fertig… ich muss mir das abtrainieren, morgen gehe ich mitten unterm Film ins Bett, vieleicht werde ich dann entspannter bei Cliffhangern ;)

  7. Wir sollten so eine Anti-Cliffhanger-Unterschriftenaktion starten und Tom zukommen lassen, dann hört er vielleicht damit auf ;-)

  8. Inzest, Inzest, Iiiiiinzest.
    Ich weiß es, ich weiß es, ich weiß es…

    Und nun zu Martina. Auf gehts!!

  9. @ Tom: wie alt bist Du eigentlich? *neugierig* :-P

    Ich weiss nicht weshalb, aber bislang ging ich irgendwie immer davon aus, Du wärest so um die Mitte 40. Irgenwo im Blog habe ich neulich gelesen, wie Du in das Bestattungsinstitut kamst, also gehe ich davon aus, dass Du zum Zeitpunkt der Geschichte hier schon die Lehre beendet hattest und verheiratet warst. Dann habe ich Dich also rd 10 Jahre zu jung eingeschätzt?

  10. @Christina: Das denke/dachte ich auch immer. Aber was spielt das Alter schon für eine Rolle!! ;-)

  11. Wenn du mal den Löffel abgibst, bist du wahrscheinlich einer der meistbetrauertsten Menschen der Welt, weil etwa eine halbe Milliarde Leute auf einem Dutzend unaufgelöster Cliffhanger sitzen.

  12. Tom bringt als nächstes sicher ein Buch bestehend aus Abschlüssen von Cliffhängern raus, dann kann sich NIEMAND entziehen!!! *weltherschaftslacher*

  13. Och mein Gottchen – mich stören die Cliffhänger nicht.

    Aber ich bin auch jemand, der es wenn es sein muss fertig bringt, den Fernseher kurz vor der Auflösung des Krimis abzuschalten …. im Gegensatz zu meinem Mann, der immer ziemlich angefressen war, wenn ich mitten im Film die Kiste ausschaltete (und blitzartig und unter Verwünschungen seinen Hintern vom Sofa erhob, um die Kiste wieder einzuschalten …) :-D

  14. @Christina
    und ich kann ihn total verstehen.. da hätte Tom Arbeit, wenn meine Frau auf diese Idee kommen würde ;)

  15. Schöne Geschichte aber was ist mit Martina??? Nicht dass hier nachher lauter Cliffhanger rumhängen!

  16. Anno ’44 war der Kriech aber nicht mehr „sehr jung“…

  17. Nach dem Schluß war mit dem Krieg haben sie sich wieder getroffen. Und weil sie sowieso keine Kinder mehr kriegen wollte, war sie froh, dass sie ihren Bruder wenigstens zurückkriegte. Und so kriegten sie sich. Und kein Hahn krähte danach.

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