Lodernde Flammen -12- Ende

Zu Dritt hatten wir zusammengesessen und geheult. Frau Büser heulte, weil sie immer heulen mußte, wenn jemand anders heulte. Sandy heulte, weil sie es war, die die letzten Wünsche der Frau entgegengenommen hatte. Ja und ich? Ich weinte, weil mir an diesem Tag einfach alles zuviel geworden war. Frau Borgner tat mir unendlich leid. Aber rückblickend glaube ich nicht einmal, daß ich wegen der Person Frau Borgner geweint habe.


Vielmehr war es die Tatsache, daß ein Mensch sich so hilflos und alleine fühlen kann, daß er seinem Leben ein Ende setzt.

Und daß es so war, das stand einige Tage später auch völlig außer Zweifel. In der Zeitung stand nur etwas von einem Brand bei dem eine Frau ums Leben gekommen war. Vom Suizid stand dort kein Wort.
Aber Mariannes Mann Diethelm konnte Licht ins Dunkel bringen. Frau Borgner hatte ja diese Briefe für ihre Kinder hinterlassen. Schon am Tag nach dem Feuer hatten zwei Polizisten die Unterlagen abgeholt.
Wie es aussah, hatte Frau Borgner kurz vor ihrer Tat noch bei Schwiegertochter Marianne und Sohn Diethelm angerufen und etwas in der Art gesagt wie: „Ich will ohne den Willi nicht sein. Kümmert Euch um einander und gießt die Blumen auf meinem Grab!“

Diethelm war sofort losgefahren, Marianne hatte die Polizei angerufen, aber da brannte das Haus wohl schon und alles war zu spät.
Als Diethelm endlich eingetroffen war, war alles vorüber…

Er erzählte uns, daß seine Mutter viele Erinnerungsstücke an ihren verstorbenen Mann ins Wohnzimmer getragen haben muß und dann eine Flasche Benzin entzündet hatte.
In Sessel ihres Mannes sitzend ist sie verbrannt.

Grausam!

Mehr als grausam.

Eine Kopie der gleichlautenden Briefe hatte die Polizei den Kindern ausgehändigt. Der Brief sagte nicht viel Neues aus. Der Mann war der Lebensmittelpunkt dieser Frau gewesen. Ohne ihn hatte sie keinen Grund mehr gesehen, weiterzuleben. Punkt.

Nur der Vollständigkeit halber erzähle ich, daß die alte Dame ein schönes Begräbnis bekommen hat und neben ihrem Mann zur letzten Ruhe gebettet wurde.

Ich habe viele der Schicksale, die ich kennenlernen durfte, schon wieder vergessen. Einige sind mir in Erinnerung geblieben und einige von den ganz Besonderen habe ich hier im Blog schon erzählt.
Aber ein Mann, der alles von seiner Frau weggeworfen hat, ein anderer Mann, der seiner toten Frau ein Erinnerungszimmer einrichtete und eine Frau, die sich mit den Erinnerungen an ihren Gatten verbrannt hat – das brennt sich im wahrsten Sinne des Wortes irgendwie ein.

ENDE

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  • 1. März 2017 - 7 Kommentare - Lesezeit ca.: 2 Minuten - Kategorie: Geschichten

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Veröffentlicht von

Hier erzählt und informiert der Schriftsteller Peter Wilhelm. Der Sachverständige ist Chefredakteur von "Bestatter heute". Der Satiriker veröffentlicht Satiren und
Produkttests. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
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peter wilhelm autorenlesung

Peter Wilhelm

7 Kommentare von 137741.

  1. Ganz toll. Vielen Dank für die Einblicke in das Seelenleben der verschiedenen Menschen und eines ganz tollen Bestatters.

  2. Danke für diese Einblicke. Ich glaube, die sehr unterschiedliche Art mit dem Tod des Partners umzugehen, kann ein Außenstehender nicht verstehen. Aber es ist auch gut, dass jeder Mensch anders ist.

    Ich läutete vor drei Wochen zur Beerdigung einer alten Dame. Heute setzen wir ihren Mann bei. Er brauchte kein Andenkenzimmer, kein Entrümpeln und kein Benzin. Er gab, glaube ich, einfach nur auf. :(

  3. Ehrlich gesagt würde ich das tun was Frau Bogner gemacht hat. Ich habe meinen Partner im August verloren (starb mit 40 Jahren) und nur (auch wenn es komisch klingt) meine Katzen haben mich davon abgehalten, es ihr gleich zu tun. Es ist nun mal so, dass keiner das nachempfinden kann was der Tod des geliebten Partners in einem auslöst ausser man hat es eben selbst erlebt.
    Ich denke persönlich aber, dass der Mann der alles entsorgt hat, dies noch bedauert hat nach einiger Zeit. Erinnerungen sind doch schön und helfen einem beim trauern / bei der Verarbeitung.

    • @Bea:

      Es ist gut, wenn man etwas hat, was einen festhält. Meine Mama hatte nach dem Unfall meines Vaters zwar noch meinen kleinen Bruder … aber wie man allein isst bzw. dass man auch wenn amn allein ist, essen muss – das hatte sie „verlernt“, sie wäre verhungert, wenn die Hausärztin nicht die Reißleine gezogen und sie zur Kur geschickt hätte. Ich war damals 350 km weit weg zur Ausbildung und ohne Draht zu ihr.

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