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Müssen Kinder alles wissen?

Kluge Kinder wissen viel, gute Eltern erklären ihnen viel. Wer nicht fragt, bleibt dumm.
Aber ich bin nach wie vor der Meinung, daß man nicht alles jedem Kind in jedem Alter haargenau erklären muß.
Bei dieser Aussage beziehe ich mich nicht auf das Alter des Kindes in Zahlen. Mit Alter ist sowieso kein für alle Kinder gleiches Jahresalter gemeint, sondern das individuelle, vom Entwicklungsstand abhängige Alter.

Selbstverständlich würde ich meinen Kindern ziemlich genau erklären, wie der körperliche Verfall eines Menschen vonstatten geht. Aber ich würde das zu einem passenden Zeitpunkt tun und durchaus in einer Weise, die die Wirklichkeit wiedergibt, aber -je nach Alter- eine Sprache und Vergleiche wählt, die nicht zu Irritationen führt.
Ich würde es für falsch halten und rate deshalb davon ab, angesichts eines aktuellen Sterbefalles in der Familie manche Vorgänge en detail zu beschreiben. Kinder verknüpfen diese Bilder mit den verstorbenen Angehörigen und haben diese Bilder oft für Jahre albtraumhaft vor Augen.

Ich würde zunächst einmal eine Variante bevorzugen, in der das Kind die Vorstellung hat, daß der Verstorbene tot, aber eben wie ein ewig Schlafender, in der Erde liegt. Daß dort ein Vergehen (im Sinne von Verwesung) stattfindet, ist recht leicht zu vermitteln und verursacht auch keine Ängste, so habe ich es zumindest erfahren.
Aber muß man Kindern beschreiben, daß die Augen sich auflösen, das Augenwasser ausläuft und leere Augenhöhlen in einem noch halb mit Haut, Fleischfetzen und Haarbüscheln bedeckten Grinseschädel entstehen?
Nein, bei irgendeiner passenden Gelegenheit kann man Kindern vielleicht auch erzählen, was mit einem Menschen bei einer Einäscherung passiert. Wenn man nicht aktuell selbst von einem Sterbefall betroffen ist, kann man das sehr gut machen und all das wird von Kindern auch sehr gut verstanden und selbst an sich schreckliche oder eher eklige Dinge werden zumeist ohne Schrecken und Ekel aufgenommen.
Aber ich halte es für falsch, eine solche Aufklärungsarbeit ohne Not und in der Phase einer aktuellen Trauerbewältigung zu leisten.

Ich kenne es hundertfach aus eigener Erfahrung. Wenn Menschen ins Bestattungshaus kommen und nicht aktuell trauern, lässt es sich vortrefflich fragen, ja sie scherzen sogar und in 90% der Fälle kommen die scherzhaft gemeinten Fragen, ob man mal probeliegen könne oder ob man auch ein senkrechtes Stehgrab bekommen kann.
Andere erkundigen sich spaßeshalber, ob auch Gräber mit Heizung gibt und ob man als Ehepaar auch zu zweit in den Sarg darf.
Manche werden dann, nach den ersten scherzhaften Fragen, etwas leiser und erkundigen sich ganz ernsthaft nach den Vorgängen wie sie wirklich ablaufen. Dann kann man sehr gut und ganz genau die Stadien der Verwesung erklären, die Arbeitsleistung eines Bestatters erklären und die Hilfsmittel und Techniken rund um die Bestattung erklären.

Gibt es aber gerade einen Sterbefall in der Familie, so sind die Menschen wesentlich empfindlicher und projizieren alle möglichen -auch eingebildeten- Vorgänge auf ‚ihren‘ Verstorbenen.
Ich bin ja nun wahrlich keiner, der sagt, man solle Kinder auf jeden Fall von Verstorbenen und Trauerfeiern oder Friedhöfen fernhalten. Wer das Bestatterweblog kennt, der weiß, daß ja gerade ich es bin, der für die Enttabuisierung der Themen Tod und Trauer eintritt und unermüdlich daran arbeitet, den Menschen die Augen zu öffnen.
Da würde es schon vom Ansatz her gar nicht passen, wenn ich nun ausgerechnet sagen würde: „Erzählt Euren Kindern Märchen vom toten Opa mit Engelsflügelchen“ oder „Sprecht am Besten gar nicht darüber“.
Nein, genau das Gegenteil ist der Fall und meine Botschaft lautet, daß man nicht früh genug damit anfangen kann, auch Kindern klar zu machen, daß der Tod zum Leben gehört und es passieren kann, daß man irgendwann von jedem Abschied nehmen muß, egal wie alt, jung, krank oder gesund er war.
Auch sollten alle Menschen wissen, was beim Bestatter passiert, daß da nichts Geheimnisvolles oder Schreckliches passiert und was mit Verstorbenen passiert, wenn man sie der Erde oder dem Feuer übergibt.

Aber es ist doch wohl unbestritten, daß man das in einer dem Entwicklungsstand des Kindes angepassten Form tun muß und das dann auch noch bei passender Gelegenheit, zu einem geeigneten Zeitpunkt und nicht unbedingt vor dem Hintergrund, daß eben gerade ein naher Angehöriger oder Freund, Klassenkamerad oder Kumpel aus dem Sportverein gestorben ist.

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Peter Wilhelm 10. Juli 2012


8 Kommentare von 141018.

  1. [quote=“UndertakerTOM“]Ich würde es für falsch halten und rate deshalb davon ab, angesichts eines aktuellen Sterbefalles in der Familie manche Vorgänge en detail zu beschreiben. Kinder verknüpfen diese Bilder mit den verstorbenen Angehörigen und haben diese Bilder oft für Jahre albtraumhaft vor Augen.
    [/quote]
    Ist das Deine Meinung oder hast Du dafür eine Quelle? Bei so manchen Dingen, die schädlich für die kindliche Entwicklung sein sollen, handelt es sich nämlich um Vorstellungen aus dem letzten bis vorletzten Jahrhundert, zu denen es keinerlei Belege gibt. Entweder weil es nie untersucht wurde oder weil es eine falsche Vorstellung ist.

    Daher bin ich bezüglich dieser unbelegten Aussage erst einmal skeptisch.

  2. Keine Ahnung, warum der Text zunächst nicht vollständig angezeigt wurde. Ich habe ihn noch einmal aufgerufen, denn in der Datenbank stand er vollständig drin, dann einfach xxx druntergeschrieben und erneut abgespeichert, jetzt isser da.

  3. Man sollte Kindern nichts verschweigen, aber sollte auch nicht gleich ins Detail gehen, das könnte mehr sein, als sie erfassen könnten oder wissen wollten.

    Beispiel:
    „Wo bin ich hergekommen?“
    „Du bist aus Mamas Bauch gekommen.“
    Dann wartet man erst mal ab, ob das reicht. Früher oder später kommt der nächste Teil:
    „Wie bin ich in Mamas Bauch hineingekommen?“
    „Du bist da 9 Monate lang gewachsen.“
    An der Stelle kann man schon was falsch machen, da ein Mädchen auf die Idee verfallen könnte, das könnte ihr jederzeit auch passieren. Also: sowas passiert nur Erwachsenen.
    Genauso sollte man auch mit anderen Themen umgehen, wenns immer geht. Die Detailgenauigkeit, die das Kind wirklich haben will, die fragt es schon selber ab.

  4. Vorsicht mit der Beschreibung des Todes als Schlaf – ich habe Kinder kennengelernt, die nicht mehr einschlafen wollten, weil man dann möglicherweise nicht mehr aufwacht.

    „Schlafes Bruder“ ist für Erwachsene.

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