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Angebrannt

Es war Ende Oktober und in meinem Bestattungshaus hielt das jährliche Getuschel Einzug. Jeder kennt doch das Gefühl, wenn auf einmal alle anderen ein geheimnisvolles Band verbindet. Gespräche verstummen, wenn man den Raum betritt, irgendetwas Geheimnisvolles liegt in der Luft.
Wenn ich zufällig in Frau Büsers Büro kam und dort auch die anderen Damen anwesend waren, wurde es schlagartig leise, das sonst dort beheimatete Geschnatter verstummte und alle schauten ganz geschäftig auf ihre Unterlagen. Ich kam mir vor, als habe ich versehentlich die Damentoilette eines Restaurant betreten.

Musste ich mir Sorgen machen? Schmiedeten die Mädels ein Komplott gegen mich? (Ich mag übrigens Apfelkomplott!)
Nein.

Ich bin schon zu lange auf diesem Planeten und schon so lange von Frauen umgeben, dass ich genau wußte, weshalb sich die Frauen so verhielten.
Am 1. November habe ich Geburtstag und die alljährliche geheimnisvolle Verschwörung dient einzig dem Zweck, mich an meinem Häutungstag mit einer ganz überraschenden Überraschung zu überraschen.

Diese Überraschung kann sich auf die Art der Beschenkung erstrecken oder aber auch auf die Art der Geburtstagsfeier.

Okay, ich sage jetzt mal, wie es mir persönlich am liebsten wäre. Schön fände ich es, wenn ich an diesem Tag mit einem leckeren Frühstück am Bett geweckt würde und dann den ganzen Tag auf der Couch verbringen dürfte. Meine Familie kümmert sich liebevoll um den sich ausruhenden Patriarch und füttert und tränkt ihn mit Nektar und Ambrosia. Meinetwegen dürfen sie auch Hosianna singen, oder wenn’s denn sein muss, auch Happy Birthday.

Leute, die sich dazu berufen fühlen, mich mit Geschenken zu bedenken, können diese ganztägig übern Zaun werfen und sich von einem Buffet vor der Haustüre Kaffee und Kuchen nehmen…

Ja, ich bin ein Sonderling, ich weiß.

Auf jeden Fall hasse ich Überraschungspartys. Also solche Partys, bei denen ich nichtsahnend irgendwohin komme und dann auf einmal ein völlig unerwarteter Mob mit Gratulationsrufen über mich herfällt.
Wobei sich natürlich jedem klar denkenden Zeitgenossen die Frage stellt, wieso eigentlich Menschen an diesem einen Tag im Jahr, an dem sie Geburtstag haben, überraschend in eine solche Situation kommen können. Es ist ja auch gar nicht auffällig, dass einen jemand unter irgendeinem Vorwand, beispielsweise er müsse Spargel kaufen und benötige meine Hilfe, aus dem Haus lockt. Erstens war ich noch nie ein guter Einkaufsberater, vor allem, wenn es im November um Spargel geht; und zweitens: Hey, ich habe Geburtstag, da mag ich hosiannabesungen auf der Couch liegen und nicht Spargel kaufen gehen.

Außerdem hat es Gott der Herr in seiner unermesslichen Weisheit für gut befunden, mich in der Halloween-Nacht in dieses Leben plumpsen zu lassen. Ich habe mithin am 1. November Geburtstag, der glücklicherweise in meinen Gefilden ein Feiertag ist. Es gibt also keinen Spargel zu kaufen, da die Geschäfte geschlossen haben.

Mir fiel also in jenem Jahr das geheimnisvolle Getuschel auf, was mich dann dazu veranlasste, mit der Allerliebsten zu sprechen.
„Oh holdes Eheweib“, hob ich an und fuhr fort: „Es nähert sich mein Häutungstag. Ich mag Dir nun mit auf den Weg geben, dass ich auf gar keinen Fall überrascht oder von Gästehorden heimgesucht werden möchte. Lass uns, um auch Deinem Drang nach geburtstagsbedingter Geselligkeit gebührende Beachtung zu schenken, Luise und Dietmar einladen, mit ihnen speisen und trinken. So soll es sein, gehabe Dich wohl.“

Diese verständnisvollen Augen, dieser liebevolle Ausdruck auf ihrem Gesicht und die erlösenden Worte: „Ja, oh mein Gatte, so machen wir das“, legten eine beruhigende Balsamschicht auf mein Herz.

Aus unserem Freundeskreis hatte ich Luise und Dietmar mit Weisheit und Bedacht ausgewählt. Die beiden sind sehr wortkarg und zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie es nirgendwo lange aushalten. Sie sind Besucher, die die ganze Zeit auf der Vorderkante ihrer Stühle sitzen und ständig auf die Uhr schauen. Luise macht immer den Eindruck, als habe sie noch was ganz Dringendes vor, und Dietmar gibt sich immer so, als habe man ihn sowieso bei etwas Wichtigerem gestört.
Die beiden würden kommen, was essen und trinken und dann auch schnell wieder verschwinden. Couch ich komme! Übe schon mal Hosianna, liebe Familie!

Der Geburtstag kam an den Tag. Meine Kinder erfreuten mich mit ihren Glückwünschen und zelebrierten ein wunderbares Frühstück am Bette des Ernährers und Gebieters. Meine wohlwollenden Blicke ruhten auf ihnen.

In der Küche wirkte das fuchsige Weib und brachte mir ihre geburtstäglichen Huldigungen dar. Sie koche nur etwas Gulaschsuppe für Luise und Dietmar und uns. „Geh auf Deine Couch, Mann, und lasse es Dir wohl ergehen. Die Gäste kommen gegen zwölf.“

„So früh? Ich dachte, die kommen erst am Abend.“

„Oh nein, sie kommen schon Mittags und wir essen gemeinsam. Dann gibt es noch Kaffee und Kuchen, und der Rest des Tages gehört ganz Dir.“

Endlich einmal würde mein Geburtstag nach meinem Geschmack verlaufen. Sieg auf der ganzen Linie.

Ein paar Anrufe von Gratulanten, ein Kurzbesuch der sogenannten Schwiegereltern, das war alles, was am Vormittag geschah. Die Schwiegereltern sind nach dem Krieg von irgendwo jenseits von irgendwas geflüchtet. Und das haben sie beibehalten, das mit der Flucht. Sie bleiben nirgendwo länger als 20 Sekunden. Sehr angenehme Leute.

Ansonsten durfte ich mich auf der Couch herumlümmeln, lesen, Radio hören, fernsehen.

Gegen 11 Uhr drang die keifende Stimme der Allerliebsten an mein Ohr. Ihre ansonsten warme und wohltönende Stimme verändert sich unter dem Einfluss von Zorn, Erregung und Angst zu einem messerscharfen, alles durchdringenden Organ, das jedem männlichen Wesen das Trommelfell zu perforieren droht. Odysseus, wo ist das Wachs?!

„Was ficht Dich an, oh mein Eheweib?“, erkundigte ich mich nach der Ursache für das Laute. „Ach, mir ist das ganze Gulasch angebrannt, das kann niemand essen.“

„Schütte Wein rein, das merkt doch keiner.“

„Nein, das ist alles verbrannt und Luise und Dietmar kommen gleich. Wenn ich keine Gulaschsuppe habe, müssen wir mit denen ins Restaurant.

Oh weh! Restaurant! Das dauert ewig, bis man endlich was zu essen bekommt, und noch schlimmer: Man muss nach dem Essen noch sitzen bleiben und reden! Reden! Nach dem Essen! Mal ehrlich: Nach dem Essen legt man sich stumm auf die Couch und tut das, was der Allmächtige vorgesehen hat, man verdaut.

„Es sei denn…“, meinte Anke und wiegte ihren Kopf so hin und her.

„Es sei denn was?“

Es sei denn, Du fährst eben und holst schnell zwei, drei Dosen Gulaschsuppe“, schlug sie vor.

„Frau, es ist Feiertag, die Läden haben zu.“

„Aber nicht in Hessen!“

Dazu muss man wissen, dass das Fischerdorf in dem wir leben, nur wenige Kilometer von Hessen und Rheinland-Pfalz entfernt liegt.

„Fahr doch eben nach Hessen rüber, da ist kein Feiertag.“

Mein Blick schweifte ins Esszimmer, wo schon für sechs Personen fein gedeckt war, für Luise und Dietmar, unsere beiden Kinder und für die Allerliebste und mich.
Okay, wenn’s denn dann sein muss, dachte ich und ging um mich zu kleiden. Meine Kinder, Rouven und Josie, erklärten sich bereit, den Papa zu begleiten.

15 Minuten später stand ich im Stau. Aber sowas von! Wenn in Baden-Württemberg Feiertag ist, kommen Heerscharen von Konsumenten auf die gleiche Idee, nämlich ins hessische Viernheim zu fahren und das dortige Einkaufszentrum zu besuchen. Großkampftag!

Den Kindern war das egal, mich nervte es, im Stau zu stehen. Ich musste es nur schaffen, an der Ausfahrt zum Einkaufszentrum vorbei zu kommen, dann konnte ich beim Supermarkt auf der hessischen grünen Wiese Gulaschsuppe kaufen.

Nix ging. Nur wenn ein Fahrzeug den überfüllten Parkplatz des Einkaufszentrums verließ, rückte die stauende Schlange vier, fünf Meter weiter. Eine ganze Stunde lang ging das so, dass man nur meterweise voran kam.

Insgesamt benötigte ich fast zwei Stunden, um zu dem Supermarkt zu gelangen. Gulaschsuppe gab es nur gefroren im Kochbeutel direkt neben dem Rahmspinat und dem Eis am Stiel. Egal, die konnte die Allerliebste ja in der Mikrowelle auftauen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass Luise und Dietmar schon längst da sein mussten. Ein Grinsen machte sich in meinem Gesicht breit, während die Kinder und ich die fünf Packungen Gefriersuppe an der Kasse bezahlten. Ich hatte nämlich die nicht unberechtigte Hoffnung, dass die Gäste vielleicht schon wieder gegangen sein könnten, wenn ich zurück kam.

„Papa, denk an den Stau!“, mahnte mich die damals 12-jährige Josie und ich war ehrlich gesagt froh, dass sie das tat. So fuhr ich „über die Dörfer“ zurück in Richtung heimatlicher Gefilde.

Doch was war mit den Kindern? Auf einmal begannen die zu quengeln und zu nerven. Durst! Hunger! Langeweile! Mach Musik an! Lass uns was spielen! Eis! Eis! Eis!

Au Mann! Es ist nicht schlecht, wenn Du zwei Kinder hast, weil die sich oft auch gegenseitig beschäftigen. Das hat schon viele lange Autofahrten sehr erträglich gemacht. Aber an diesem 1. November war das anders. Sie nervten gewaltig. Und eine 12-Jährige und ein 15-Jähriger können ganz schön nerven.

„Papa, Martha-Eis! Bitte, Papa, Martha-Eis!“

Ja, wir befanden uns auf dem Weg, der uns am Roten Hirsch vorbei führen würde. Dieses bekannte Ausflugslokal wurde von Martha und Günther betrieben und das schon in der dritten Generation. Irgendwie sah man das den Wirtsleuten auch an. Auf dem flachen Land am Fuße des Odenwalds ist halt manchmal der Stammbaum auch ein Kreis…

Der Rote Hirsch war für sein gutbürgerliches Essen berühmt und für seine hervorragenden und in üppigen Stücken servierten Torten. Außerdem machte Martha ein ganz hervorragendes Eis. Nun ja, vielleicht hatte die Kinder ja Recht, und mir würde so eine 6-Kugel-Waffel ja auch nicht schaden, schließlich habe ich a) Geburtstag und b) erhöhte das die Chance, dass Luise und Dietmar tatsächlich schon verschwunden waren, bis ich nach Hause kam. Also los, auf zu Günther und Martha!

Das Lokal war brechend voll. Dem Herrn sei es gedankt, dass ich nicht mit Gästen in ein Lokal gemusst hatte! „Auch mal wieder da?“, begrüßte uns Günther. Und als ich Eis kaufen wollte, meinte er: „Hinten, Eis gibt’s heute hinten. Einfach durch die große Schiebetür.“

Die Kinder zogen mich durch das volle Lokal, vorbei an mampfenden Menschen, zur besagten Schiebetür, die das Nebenzimmer abteilte.
Und dann?

Die Schiebetür wurde beiseite gezogen und ein lautstarkes „Happy Birthday“ schallte mit entgegen. Alle waren im Hinterzimmer des Roten Hirschen versammelt: Meine ganze Belegschaft, ein Dutzend gute Freunde und natürlich die sogenannten Schwiegereltern und Dietmar und Luise.

Was ein großes Hallo! Jeder wollte mir gratulieren, jeder wollte mit Sekt anstoßen. Auf einem Tisch türmten sich die Geschenke.
Und alle waren dem Vorschlag der Allerliebsten gefolgt, und hatten mir Spielzeug geschenkt. Darunter ein ganz toller Baukran von 1,50 Höhe mit Fernsteuerung, sowie ein ferngesteuerter Bagger.

Die Schwiegermutter freute ich, als ich ihr die Zuckerdose mit dem Kran über den Tisch hievte. Mit dem Bagger konnte man ganz famos Schwarzwälder Kirsch-Torte auf die Teller schaufeln. Und mit dem Zauberkasten konnte ich die ganze versammelte Gästeschar unterhalten.
Grandios! Ein Kran, ein Bagger und ein Zauberkasten!

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Peter Wilhelm 29. Oktober 2019


5 Kommentare von 140831.

  1. Deine Texte lassen mich immer schmunzeln und Dein Schreibstil ist soooo schön überspitzt. Ich liebe es! Danke für all Deine Zeit und Energie!

  2. …als abhängiger Konsument fällt mir auf,dass du deine Liebsten namentlich benennst.Ein Novum? Oder habe ich mal was verpasst? Bin leicht erschüttert,und hoffe,dass das keinen Grund hat.Ich gehöre zu den Menschen, die sich oft Gedanken zu Dingen machen,wo andere Leute noch nicht mal einen Grund für sehen.(Mein Therapeut weiß Bescheid) Außerdem denke ich,dass deine Schwiegereltern frei erfunden sind- so ein Glück kann ja eigentlich niemand haben. LG

  3. Alles Liebe zum Geburtstag – lass es Dir gut gehen !

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