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Mit dem Kopf voran – 600 Euro

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Sehr geehrter Herr Wilhelm,

zuerst einmal möchte ich mich bei Ihnen für Ihren Blog bedanken. Seit vorgestern lese ich mich da durch und ich wünschte, viele Bestatter würden sich ein Vorbild an Ihnen nehmen, die ein oder andere Scheibe abschneiden.
Dankeschön.

Kurzfassung, hoffentlich kurz genug, Sie haben ja viel zu tun.

Unter Schock habe ich den Bestatter angerufen, der am Wohnort meiner verstorbenen Schwiegermutter am nächsten liegt. Mein Mann und ich sind dann auch hingefahren.
Es war mittlerweile Mitternacht und dann kamen drei Herren in ganz normaler Kleidung, Jeans und Shirt, ich fragte, was die Personen hier tun, da ich nicht sicher war, ob es sich wirklich um die „Leichenabholer“ handelte.

Die Antwort: „Wir sind da, weil wir eine Leiche abholen.“
Der dritte Mann war der, der mit uns versucht hat, ein Verkaufsgespräch zu führen.

In der Wohnung dann, ich durfte/darf die Wohnung nicht betreten, nur auf und zusperren.

Kam einer der beiden Herren wieder raus und sagte, „Da drinnen liegt so viel Kotze, so viel Blut. Warum liegt da so viel Kotze, so viel Blut?“

FORTSETZUNG:
Als mein Mann das hörte, ist er zusammengebrochen. Ich wusste allerdings von der Leichenschauerin schon, wie es ungefähr aussah. Meinem Mann hätte ich die Information gerne erspart.
Ich meinem Mann dann zur Seite genommen und wir sind um die Ecke gegangen. Dem Verkaufsberater habe ich gesagt, er soll uns Bescheid geben, damit ich wieder zusperren kann.
Die Sargträger haben dann aber doch vor der Tür gewartet, vielleicht dachten sie, wir wollten dabei sein, wenn die Schwiegermutter abtransportiert wurde. Dabei ist mir anhand der Form des Sarges aufgefallen, dass der Sarg verkehrt herum war. Also ist sie scheinbar nicht mit den Füßen zuerst rausgeführt worden.

Nun meine Frage,
Das Bestattungsinstitut möchte ungefähr für diesen Dienst 600 €.
Ich sehe das nicht ein, kann ich irgendwas dagegen tun? Ich habe zwei Tage später, beim „Filialleiter“ angerufen und mich auch ausgekotzt, besser geht’s mir trotzdem nicht.

Auf eine Antwort würde ich mich sehr freuen und verbleibe …

Das ist ja alles nicht so schön abgelaufen. Ich habe es hier schon oft geschrieben, wie schwierig es für die Bestattungshelfer und -fahrer ist, während der Freizeit und in der Nacht ständig mit einem Ohr auf der Lauer zu liegen, ob nicht ein Anruf von der Firma kommt.
Manchmal kommen diese Anrufe zur blödesten Zeit überhaupt, und wenn es dann noch pressiert, fehlt mitunter die Zeit, um sich noch „bestatterfein“ zu machen. Das geht auch vollkommen in Ordnung, nur sollten dann im Bestattungswagen wenigstens dunkle Bestatterkittel vorhanden sein, um die Freizeitkleidung zu kaschieren. Korrekt ist aber auch das nicht.

Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, dass die Männer möglichst immer zuerst in die Firma fahren und sich umziehen. Besonders wichtig waren mit die festen Schuhe mit den Stahlkappen. Wer mit schweren Gegenständen hantiert und diese hebt und senkt, läuft immer Gefahr, dass die Füße was abbekommen.
Das klappt nicht immer, das kann nicht immer klappen, aber besser ist es.

Über die Umstände, unter denen eine Verstorbene aufgefunden wird, ist der Mund zu halten. Weder Verschmutzungen durch Ausscheidungen, noch ein starker Geruch oder eine grausame Auffindesituation wird gegenüber den Angehörigen kommentiert. Die Verstorbene ist deren Verwandte und sie betrauern den Tod. Irgendwelche Bemerkungen sind hier absolut fehl am Platze.
Direkt an Ort und Stelle eine Art Verkaufsgespräch zu führen, ist nicht das Ungewöhnlichste. Gerade in unklaren Situationen kann es wichtig sein, wenigstens die allernötigsten Informationen schon einmal einzuholen. Ein Drängeln oder unter-Druck-setzen darf dabei nicht erfolgen, das verbietet die Berufsehre.

Verstorbene werden traditionell und wenn es möglich ist, mit den Füßen voran transportiert. Das hat zunächst einmal völlig sachliche Gründe. Geht es nämlich noch Treppen hinunter, möchte man nicht, dass der Kopf unten ist, um auszuschließen, dass Mageninhalt aus dem Mund austreten kann.
Des Weiteren verbinden manche den Abtransport von Verstorbenen mit der Vorstellung, die Seele solle mit dem Blick noch vorne vom Haus weggeführt werden. So soll sie auf den kommenden Weg schauen. Würde der Blick beim Wegführen auf das Haus oder die Wohnung gerichtet sein, so finde die Seele später keine Ruhe und wolle immer wieder dorthin zurückkehren.
Es gibt noch andere Erklärungen, auch im Internet findet sich da so einiges, aber vieles davon haben sich die Leute aus den Fingern gesogen.

Es ist nun aber grundsätzlich so, dass es sich bei der oben beschriebenen Vorstellung um Ideen handelt, die eher im Bereich des Aberglaubens angesiedelt sind. In der Alltagssprache hat sich dieser Aberglaube in dem Ausspruch manifestiert: „Hier müssen sie mich mit den Füßen voran raustragen“, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man von dort nicht mehr wegziehen will. Nur um den Volksmythos zu bedienen, der sich als lose Tradition bis heute überliefert hat, an den aber im Grunde niemand mehr wirklich glaubt, halten sich u.a. viele Bestatter daran, die Verstorbenen mit den Füßen voran aus dem Haus zu tragen.
Darauf hat man als Angehöriger aber keinen Anspruch, wenn man das vorher nicht ausdrücklich gewünscht und somit zu einem Bestandteil des Bestattungsauftrags gemacht hat. Im Grunde können die Bestatter das also so machen, wie sie wollen und machen dennoch nichts verkehrt.

600 Euro für einen Nachteinsatz mit 2 Trägern, Sargabholung, mit Erschwerniszulage, Fahrtgebühren, Desinfektion usw. sind okay. Da kann man nicht maulen.

Meckern können Sie wegen der unangemessenen Kleidung und dem losen Mundwerk. Das mit der Transportrichtung kann man sich wünschen und so vorstellen, wenn man aber nichts gesagt hat, hat man da auch keinen Anspruch drauf.


Peter Wilhelm 1. Juli 2022

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