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Wolfsgeheul

Ich kenne den jungen Mann nur unter seinem Spitznamen „Wolf“, eigentlich heißt er Norman. Es gibt einen großen und einen kleinen Wolf, dieser hier ist der kleine, der Sohn. Den großen Wolf, seinen Vater, habe ich etwas besser gekannt, der verkehrte manchmal in einer Gaststätte die ich hin und wieder besuche.

Mir war der große Wolf als Bildhauer bekannt und ich war schon einmal bei ihm, um seine Skulpturen anzuschauen. An und für sich ein sehr angenehmer Mensch mit Bildung und Kultur.

Heute sitzt Norman, sein Sohn, vor mir und muß leider eine Beerdigung für seinen Vater bestellen.
Weil Norman aber in diesem Jahr schon so einiges an Schlägen hat hinnehmen müssen, sind seine finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt und er legt mir ein Bündel Banknoten auf den Tisch: „Das muß reichen.“

Ich zähle das Geld und komme auf 840 Euro, etwas wenig für eine Bestattung.

„Viel bekommen Sie aber nicht für das Geld“, sage ich und Norman nickt: „Das ist mir klar, ich will auch nicht viel. Seit Februar habe ich den Kontakt zu meinem Alten für immer abgebrochen gehabt und das hat ja seine Gründe. Daß ich ihn jetzt beerdigen lasse… da komme ich ja wohl nicht drumherum. Aber ich sehe nicht ein, daß ich auch nur einen müden Euro mehr ausgebe, als unbedingt nötig. Was kriege ich denn für die Kohle?“

Ich blättere meine Unterlagen durch und schlage Norman eine Einfachstbestattung vor. Dabei wird der Verstorbene von uns im Krankenhaus abgeholt, dann verständigen wir einen Kooperationspartner, der ihn dann hier mit einem wirklich ganz dünnen und einfachen Holzsarg abholt und in seinem Privatkrematorium einäschert. Die Asche wird dann in einer simplen Aschenkapsel weit weg von hier auf einem Friedhof anonym beigesetzt. Das kann ich Norman für 799 Euro komplett anbieten.

„Da bleiben dann ja 41 Euro übrig“, sagt er und ich nicke. „Okay“, sagt er, „dann rechnen Sie doch nochmal, wenn man den ganz billigen Sarg von denen weglässt und ich den billigsten von Ihnen nehme, können wir dann eine Trauerfeier für meinen Alten machen?“

So einen ähnlichen Wunsch hatten wir schon ein paar Mal und ich weiß, daß sich mein Kooperationspartner auf solche Geschäfte nicht einlässt, er hat ebenfalls äußerst knapp kalkuliert und irgendwelche Abweichungen vom Üblichen sind zwar machbar, bringen aber keinen finanziellen Vorteil.
Ich müsste also diesen ganz billigen Sarg nehmen und einlagern und dann mal schauen, bei welcher Bestattung ich den los werde.
Nur wenn ich darauf verzichte, für die Trauerfeier bei uns etwas zu verlangen, kämen wir so eben hin.

„Nee, ich kann wirklich nicht mehr bezahlen“, sagt Norman. „Ich bin ja seit einem Jahr Verkäufer bei Mode Hügelmann, in der Jeans-Abteilung, und verdiene da sowieso nicht so üppig. Jetzt haben die mir aber zum 1. Mai gekündigt und ich stehe dann ziemlich scheiße da. Außerdem muß ich mir ’ne Wohnung suchen und mein Konto sowieso überziehen, wegen der Kaution. Jetzt wohne ich bei einem Kumpel, weil mein Alter mich rausgeworfen hat.“

„Ihr Vater hatte mir aber erzählt, daß sie eine eigene Wohnung haben.“

„Hatte ich ja auch, aber meine Tussi hat mich rausgeworfen. An Silvester habe ich ’ne Schlägerei mit ’nem Bimbo gehabt. Erst war das voll fair, ja? Ich hatte schon knülle was getrunken und der auch. Dann macht der mich an und ich mach den an, ist ja klar. Dann hebt der die Faust und ich klatsch dem eine und der fliegt in die Ecke. Gut war’s. Normalerweise ist dann ja alles geklärt, ne? So und dann ist der gegangen und ich bin noch auf zehn Schnäpse geblieben, war ja Silvester. Um halb drei, ich dann da ab, raus, geh die Straße lang, fahren ja keine Busse mehr um die Zeit, und auf einmal klatscht mir was auf’n Kopf. Wachgeworden bin ich erst wieder im Krankenwagen, ne? Und im Krankenhaus dann voll das Theater. Da sind dann noch die Bullen gekommen und wollten lauter Zeugs wissen, aber ich kannte den ja nicht, den Bimbo. Die haben mir dann gesagt, daß der mir ’ne Eisenstange über den Schädel gehauen hat, ich hatte noch drei Wochen ein geschwollenes Gesicht, sogar einen Abdruck von seiner Schuhsohle hatte ich an der Backe, so hat der auf mich eingedroschen.

Nix da, hab ich gesagt, gebt mir Tabs und ich hau hier ab, hab ich gesagt. Wollten die aber nicht, da bin ich einfach so gegangen. Mit’m Taxi dann nach Hause, da waren aber inzwischen schon die Bullen gewesen und meine Tussi steht vor der Wohnungstür und schmeißt gerade meine Klamotten raus. Ich soll mich verpissen, hat sie gesagt. Ja und dann stand ich da. Bin ich also zu meinem Alten, der hat ’ne Zweizimmerwohnung und hat mich aufgenommen, obwohl der gerade ’ne neue Freundin hat.“

Was für Verhältnisse, und wie der spricht… Schon bin ich dabei, mir ein vorschnelles Bild von Norman zu machen, da erzählt er weiter und berichtet mir davon, wie das alles gewesen ist, wie er so geworden ist.

Direkt nach seiner Geburt hat seine Mutter den großen Wolf verlassen und den kleinen Norman mit nach Hamburg genommen. Dort hatte die Mutter Arbeit in einer Kneipe gefunden und schob den Säugling die meiste Zeit zu irgendwelchen Bardamen ab. Ständig wurde der Kleine herumgereicht und richtig um ihn gekümmert hat sich keiner. Als der große Wolf davon erfuhr und den Aufenthaltsort seiner Frau und seines Sohnes herausfand, war er nach Hamburg gefahren und hatte das Kind in einer Nacht- und Nebelaktion einfach mitgenommen. Seine Frau war betrunken, bekam davon gar nichts mit und -das ist das Erstaunliche- hat sich deswegen auch nie gemeldet. Offenbar war ihr das egal und es ist auch nicht bekannt, ob sie jemals nach dem Kleinen gesucht hat.

So kam Norman also wieder hierher, lebte dann bei seinem Vater, der sich fortan um ihn kümmerte. Was aber fast schon wie ein Happy-End klingt, das war erst der Auftakt zu einem Martyrium. Der große Wolf hatte nämlich in diesen Jahren ein gewaltiges Alkoholproblem, trank schon direkt nach dem Aufwachen Schnaps aus der großen Flasche und so ließ natürlich seine Fürsorge für das kleine Kind zu wünschen übrig.
Er nahm den Kleinen einfach in seiner Babytrage jeden Tag mit in die Kneipe. Er wusch ihn, wickelte ihn, fütterte ihn, da kann man ihm nichts nachsagen, aber er tat das die Hälfte der Zeit in der „Lulu-Bar“.

Kein Wunder also, daß irgendwann die Birnbaumer-Nüsselschweif und ihre gutmeinenden Mütter davon Wind bekamen und das Jugendamt verständigten. Es dauerte auch gar nicht lang, da kam Norman das erste Mal ins Heim.

Ich muß die Geschichte hier abkürzen, zu lang würde sonst die Schilderung. Dem großen Wolf gelang es, vom Alkohol zu lassen, das Kind wieder zu sich zu holen und dann gleich wieder mit dem Saufen anzufangen. So ging es immer wieder hin und her und so spielte sich die frühe Kindheit von Norman zwischen Kinderheimen und Kneipen ab, bis er dann endlich für ganze drei Jahre am Stück in ein Heim kam und der große Wolf keine Chance mehr bekam, ihn zurückzuholen.
Der nutzte aber die Zeit, suchte sich eine Arbeit und es hieß auf einmal im Ort, der sei solide geworden. Viele Kontrollen vom Jugendamt, intensive Gespräche mit einem Sozialarbeiter und dann bekam der große Wolf endlich die Genehmigung, seinen Sohn Norman wieder aus dem Heim zu holen. Der freute sich natürlich auf seinen Papa, hatte endlich ein Zuhause und das war besonders deshalb wichtig, weil er wenige Wochen später eingeschult wurde.
Der große Wolf war aber ins andere Extrem abgekippt. Er verteufelte den Alkohol, rauchte nicht mehr und man hätte das ja für etwas Gutes halten können, hätte er nicht auch in allen anderen Bereichen absoluten Konsumverzicht gepredigt. Seine Wohnung ließ er nahezu unmöbliert und verzichtete selbst im Winter auf jegliche Heizung. Er wolle sich nicht vom amerikanischen Imperialismus abhängig machen und schon gar nicht der Diktatur der Ölmafia beugen. Als einziges Getränk stand Leitungswasser zur Verfügung und zu Essen gab es nur das, was für extrem wenig Geld zu kaufen war: Kartoffeln, Eier, Nudeln und Nudeln, Eier und Kartoffeln. Trocken, ohne Sauce und niemals gab es Fleisch.

„Viel hat der ja mit seiner Bildhauerei nicht verdient. Der konnte was! Ehrlich! Dem seine Figuren waren spitze, aber der hat alles was schön war und was die Leute gekauft hätten, einfach immer wieder zerschlagen und stattdessen seine Scheiß Universumssteine gemacht. So blöde Steinklötze, denen er irgendeine Kraft zusprach, die aber keinem gefielen. Manchmal hat der Tag und Nacht in seinem Atelier gestanden und herausgekommen sind immer nur diese häßlichen Universumsteine, der hat doch voll den Knall gehabt, der Alte.“

Richtig schlimm wurde es für Norman, als der große Wolf eine neue Frau kennenlernte, Raffaela, die nun seine Stiefmutter wurde.
Raffaela teile die Ansichten des großen Wolf, bestand aber auf etwas mehr Möbeln und konnte ihn sogar dazu bringen, wenigstens ab und zu mal keine Universumssteine, sondern brauchbare Skulpturen zu schaffen. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch eine große Heiligenfigur, die vor der Kirche auf einem Podest steht.
Aber Raffaela entpuppte sich mehr und mehr als Rabenmutter, sie hatte einzig und allein am großen Wolf ein Interesse und der kleine Norman war ihr nur ein Dorn im Auge. Forthin gehörten Schläge und eine übergroße Strenge zum Alltag.

„Die hat von morgens bis abends nur mit mir rumgeschrien, kaum hab ich mal gewagt den Mund aufzumachen, schon hat die mir eine geklebt.“

Norman entwickelte sich immer mehr zum Problemkind und galt bald schon als hinterlistiger Schläger und Rabauke. Im Grunde war sein Leben etwa vom siebten oder achten Lebensjahr dadurch gekennzeichnet, daß ihn die Polizei wegen irgendwelcher Schandtaten aufgriff und nach Hause brachte. Wenn im Ort irgendwas angestellt wurde, suchten die Ordnungshüter immer zuerst mal nach Norman und tauchten beim großen Wolf auf, das sparte lange Ermittlungsarbeit, denn in den meisten Fällen war Norman in irgendeiner Weise in die Sache verwickelt.

Schon sehr früh, früher als Jugendliche eigentlich ins Wirtshaus dürfen, war Norman in Kneipenschlägereien verwickelt, war ein stadtbekannter Ladendieb und klaute mit 15 das erste Auto. Ausgerechnet das Auto der Frau des Schuldirektors mußte daran glauben, als Norman es nach immerhin 80 Kilometern unauffälliger Rundfahrt bewußt vor die Mauer neben der „Gutsschänke“ setzte und einen Totalschaden produzierte.

Er habe mal sehen wollen wie das ist, wenn der Airbag rauskommt, gab er später bei der Polizei zu Protokoll.
Daheim gab es Schläge, der große Wolf warf seinen Sohn raus und der lebte dann bei einem Freund. Dann gab es eine Gerichtsverhandlung, ich weiß aber nicht, ob und zu welcher Strafe Norman verurteilt worden ist.

Bald schon zog Norman wieder beim großen Wolf ein, gerade als Raffaela ihn verlassen hatte. Der große Wolf schüttete sich mit Schnaps zu, Norman flüchtete in eine Kneipe und als er Stunden später wieder nach Hause kam, hatte sein Vater mit bloßen Händen die gesamte Wohnungseinrichtung in handliches Schlichtholz zerlegt und im Schlafzimmer aufgestapelt. Die Vorhänge waren zerschnitten, die Tapeten heruntergerissen und sämtliche kleineren Gegenstände hatte er vom Balkon in den Garten geworfen.

Ich kann mich daran erinnern, daß die Sachen mindestens ein halbes Jahr da draußen herumlagen, darunter auch Sachen, die Norman gehört hatten, zum Beispiel seine Stereoanlage. Norman und sein Vater lebten, ohne ein Wort miteinander zu wechseln in der demolierten Wohnung und eines Tages packte Norman, der kleine Wolf, seine Klamotten und machte sich mitten in der Nacht auf den Weg nach Hamburg, um seine Mutter zu suchen.

http://bestatterweblog.de/wp-content/uploads/podcasts/bwl_podcast17.mp3

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Peter Wilhelm13. Dezember 2013

6 Kommentare von 140320.

  1. Und wenn man bedenkt das es heute immer mehr dieser Menschen gibt, die in eine noch viel schlimmere Familie geboren werden und nur schwer eine Chance haben sich zu selbstdenkenden Persönlichkeiten zu entwickeln… :S

  2. „m Grunde war sein Leben etwa vom siebten oder achten Lebensjahr dadurch gekennzeichnet, daß ihn die Polizei wegen irgendwelcher Schandtaten aufgriff und nach Hause brachte.“

    Gut, der Undertaker übertreibt manchmal etwas, aber solche Schicksale gibt es tatsächlich.

    Das sich die zuständigen Stellen da nicht mal fragen was da los ist, dass ein Achtjähriger soviel Scheisse baut und einfach so wieder nach Hause bringen halte ich für ganz, ganz schlecht.

    Da darf man sich nicht wundern, wenn solche Opfer zu Tätern werden.

  3. Ist halt nur die Frage, wie weit die zuständigen Stellen da zuständig sind.
    Was wird mit den Kindern mit den inkompetenten Eltern gemacht?
    Die kommen ins Heim.
    Ich hab mich schon mit ehemaligen Heimkindern unterhalten, das muss ziemlich mies da drin sein.

    Egal wie mans dreht und wendet, wenn das Leben schon von früh an scheiße verläuft, kann man nur durchhalten, und irgendwann versuchen, mit beginnender Selbstständigkeit den ganzen Mist selber in den Griff zu bekommen.

  4. …und da kommt der kleine Wolf noch mit 840 € zum Bestatter um seinen Vater bestatten zu lassen, wow. So böse kann er nicht sein. Hoffentlich schafft er es nun, seinem Leben eine Wende zu geben, ein Ziel zu haben und für sich selbst zu sorgen.

  5. Hier hilft nur eine stake Partnerin. Nicht im Sinne von Kraft. Einen Schulkamerad (18) von mir, der allein lebend und schon abgerutscht war, und keine Bezugsperson mehr hatte, lernte seine zukünftige Frau besoffen und kotzend neben einer Disco kennen. Sie nahm sich seiner an, hörte ihm zu, wusch seine Schmutzwäsche. Heute sind sie schon fast 40 Jahre verheiratet.
    Ich wünsche Norman viel Glück.

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