Martin und die Himmelsbox

In einem Bestattungshaus unserer Größe ist nicht jeden Tag die Hölle los.
An manchen Tagen, ja, da können wir uns vor Arbeit nicht retten, da müßten wir uns fast zerteilen, um an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein.
Aber das ist nicht immer so.
Vor allem im Sommer gibt es immer mal wieder Phasen, da quälen wir uns nur so durch die umsatzschwache Zeit. Bestatter Pflippmann sagt am Krematorium zu mir: „Wenn wir nicht die Motorradfahrer hätten, dann wäre‘ bei uns auch tote Hose.“
Ich habe nicht einmal eine schöne, kurvige Waldstrecke in meinem Einzugsgebiet.
Klingt hart? Nein. Der Bestatter macht niemanden tot, er freut sich nicht, wenn Leute sterben und er wünscht niemals jemandem den Tod.
Aber wenn schon einer sterben muß, dann wäre man schon froh, würden die Angehörigen zu einem kommen.

Es ist schon der sechste Tag, an dem sich gar nichts tut. Nur eins tut sich, mein Geldbeutel wird immer leerer. Ich muß die Leute bezahlen, ich muß die Logistik aufrecht erhalten und wegen der großen Hitze läuft auch noch den ganzen Tag die Klimaanlage.
Wir stöhnen trotzdem.
Frau Büser hat ja immer was zu tun, der macht sogar die Steuer Spaß. Sandy, Nadine und Antonia spielen Karten, ich würde ja gerne mitspielen, aber sie spielen „Zibbernack“ und ich weiß nicht wie das geht. Einmal habe ich versucht, die Regeln zu verstehen und ein paar Runden mitgespielt, konnte mich aber des Eindrucks nicht erwehren, daß die drei Hyänen sich die Regeln jeweils spontan immer neu ausdachten, um mich zu foppen.

Die Männer im Keller haben unter der Anleitung von unserem Riesenhandwerker Fuhlst eine Vorliebe für das Dartspielen entwickelt und nachdem ich in mehreren Särgen, angeblich vom Holzwurm stammende, Löcher entdeckt hatte, hatte ich in der METRO eine elektronische Dartscheibe gekauft.

Zum Mittagsessen hat Antonia Apfelsalat gemacht. Einfach vier, fünf dicke Delicious-Äpfel durch Horst Fuchs‘ Wunderhacker in Würfel gedrückt, eine Zwiebel hinterher und alles mit Miracel Whip vermengen. Schmeckt total lecker und ist erfrischend kühl.
Sonst hat ja immer Sandy solche Rezepte, die sie aus Amerika kennt.

Fuhlst hat frisch gebackenes Ciabatta-Brot dazu besorgt, es schmeckt wunderbar, wir lassen es uns gut gehen. Vom leichten, französischen Landwein, den Fuhlst ebenfalls mitgebracht hat, nehme ich nichts, ich trinke ja nix.
Manchmal fragen mich die Leute, warum das so ist, und ich bin es müde, immer wieder zu erklären, daß ich diesen umnebelten Zustand nicht mag. Meist schütze ich vor, ich würde auf Alkohol dergestalt reagieren, daß ich dann spontan fremden Frauen an die Brüste oder Männern ans Genital greife, je nachdem welchen Geschlechts der Fragende ist. Man ist dann immer sehr froh, daß ich mich so im Griff habe und unterläßt sofort diese üble Angewohnheit, einen Nichttrinker zum Mittrinken überreden zu müssen.

Nach der Mahlzeit macht sich allgemeine Müdigkeit breit und wir alle, außer Frau Büser selbstverständlich, legen irgendwo, irgendwie die Füße hoch.
Ich höre ein Hörbuch, irgendetwas Fürchterliches über eine mißbrauchte Frau. Es gefällt mir nicht, aber mir fehlt die Kraft zum Abschalten, auch meine Augenlider werden schon ganz scher.

Die Tür an der Halle summt. Es gibt da einen kleinen Summer, der immer im großen Büro bei Frau Büser anschlägt, wenn jemand herein kommt.
Meine Lider sind immer noch schwer und ich höre die Stimmen aus der Halle wie durch Watte aus ganz weiter Ferne.

„Das geht doch nicht“, ist das Letzte, das ich wahrnehme, da bin ich eingeschlafen.
Eingeschlafen?

Als Nächstes dringt „Um Himmels Willen! Chef!“ an mein Ohr und da ich kein Hund bin, der von einer Sekunde auf die andere hellwach ist, muß ich erst Morpheus aus den Gliedern schütteln und mein Gehirn wieder hochfahren; doch da ruft Frau Büser schon wieder: „Cheheff!“

Ich eile in die Halle und sehe dort Frau Büser und ein junges Ehepaar.
Was kräht die Bürohexe denn so?

Aus irgendeinem Grund glaube ich einen Moment lang, die Büserin befinde sich im Gespräch mit besonders lästigen Handels- oder Sektenvertretern und rufe mich um Hilfe.
Doch dann erkenne ich, daß es sich nicht um eine so harmlose Sache handelt, die junge Frau hat eine Decke mit einem halb eingewickelten Kind im Arm und ich wäre kein guter Bestatter, würde ich nicht sofort erkennen, daß dieses Kind eindeutig tot ist.

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  • Veröffentlicht am: 27. März 2013
  • 22 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Geschichten, Menschen

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

22 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

      • Möglicherweise hat aber auch der Stern gar nichts mit dem Titel und Sternenkindern zu tun, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass hier eine ungewohnte Variante des Cliffhangerns genutzt wird. Möglicherweise heißt also der Stern: „Hier kommt ein Cliffhanger zum Durchblättern“

  1. Marco: Ich nehme an, das steht für „Sternenkind“.
    Bei der Geschichte hab ich nen dicken Kloß im Hals gekriegt. Und ich fand toll, wie Antonia sich verhalten hat.

    • Wenngleich ich diese Bezeichnung nicht verwenden würde, steht der Stern nicht für das was Du meinst. Er soll bloß kennzeichnen, daß zwischen dem täglichen Allerlei mal wieder eine etwas umfangreichere Geschichte kommt.

      • Ah, OK. Danke für die Erläuterung. Keine schlechte Idee, da es sicherlich Leser gibt, die nur die längeren Geschichten lesen wollen (oder vielleicht auch gar keinen Bock auf was Längeres haben und die dann überspringen können…).
        Ich persönlich lese sowieso alles in diesem großartigen Blog :D

  2. Ich hätte gerne von meinen Kindern auch so Abschied genommen aber vor 34 bzw 27 Jahren „gabs“ das noch nicht und ich denke immer noch an sie – so wie ich sie zum letzten Mal gesehen habe – in meiner Erinnerung sind sie meine kleinen Babies geblieben. Kann die „Balzingers“ nur zu gut verstehen und wünsche ihnen viel Trost und Kraft.

  3. Verflixt noch eins, Peter! Ich sitze hier und heule Rotz und Wasser. Nachher schau ich nochmal ins Kinderzimmer rein und schau meinem Kind eine Weile beim Schlafen zu.

  4. Schöne Geschichte. Schön herausgeputzte Gegensätze… Toms Bestattungshaus, wo die Zeit so zäh dahintröpfelt und die Entsorgungsbusinessfrau von Pietät Eichenlaub mit ihrem vollen Terminkalender…

    Snüf. Da hatte Tom eine Sternstunde und er hat sie genutzt. Nicht die übliche „Nicht mein Problem, gehen Sie wieder raus“-Mentalität.

  5. Endlich !

    Tom hat die ganzen hängigen Klagen wegen fortgesetzter Cliffhängerei in besonders schweren Fällen und in Tateinheit wegen fortgestzten Ignorierens der Bloggemeinde
    endlich ernst genommen und eine schöne Geschichte in einem Stück erzählt.

    Der Herr möge es ihm mit Hunderten von Honoraren und Tantiemen lohnen !

  6. …und nicht vergessen der „Pietät Eichenlaub“ die Matraze, Kissen und Deckchen in Rechnung zu stellen. War ja schließlich die Idee von Frau Schmalzer. ;-)

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