Urnenbeisetzung

Leser Wolfgang hat vor kurzem an einer Urnenbeisetzung teilgenommen und seine Eindrücke zusammengefasst:

Tante Helga war schon lange leidend, auf Pflege angewiesen, und ist am 26.6. im Krankenhaus gestorben. Es war ihr Wunsch, dass sie zu ihrem Mann Anton + 1984 ins Grab darf um dort in einer Urne ihre letzte Ruhestätte zu finden. Die Feier sollte auf ihren Wunsch hin sehr schlicht sein. Sie war zwar katholisch, doch wollte sie keinen Pfarrer, keinen Redner.
Auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause kamen ihre drei Kinder an einem Bestattungsunternehmen vorbei. Man suchte nicht, man kannte keinen bestimmten, man beauftragte diesen, weil er halt grade am Wege lag. Vereinbart wurde eine Feuerbestattung mit Urnenbeisetzungsfeier, die am 18.7. stattfinden würde.

Auf der Anreise auf der A9 so einige Km nach der ehemaligen Grenze steht an einem Mittelpfeiler eine neumodische Geschwindigkeitsmessanlage (100Km/h), die so toll getarnt ist, dass man sie für 2 schwarze gläserne Säulen hält. Kunst am Bau eben. Geblitzt hat es nicht, scheinbar geht das jetzt ohne. Bin gespannt was es kostet. Blöd wie ich bin, auf dem Rückweg das Gleiche noch mal! Irgendwie hab ich mich vom fließenden Verkehr mitschwemmen lassen. Laut ertönt mein Wehgeschrei, bis jetzt war ich stets punktefrei! Hoffentlich muss die Pappe jetzt nicht zur Kur.

Tante Helga hatte zwei Söhne und eine Tochter. Zehn Enkel und zwei Urenkelinnen. Während die Enkel alle schon erwachsen sind, wurde ihr Tod vor den beiden 5 und 9 Jahre alten Mädchen geheim gehalten. Irgendwann wolle man es ihnen einmal sagen. Wer oder wie, das wisse man jetzt noch nicht. Das sei jetzt, drei Wochen nach ihrem Tod noch zu früh.

Im Falle der Jüngeren schnitt ich das Thema an, jetzt wollen sie es ihr sagen, wenn sie nach ihr fragt. Bei der Älteren gab es keine sinnvoll passende Gelegenheit mit den Eltern zu sprechen, die sah ich nur während der Feier. Die Mutter ist ja Krankenschwester, sie wird sicher einen Weg finden.

Bei der Abfahrt um 12:00 Uhr in der Plattenbausiedlung machte man mich auf den Umstand aufmerksam, dass ein Marder gerade fluchtartig meinen Motorraum verlassen habe. Mir schwante Böses, weil der bei mir wohnende Marder bereits Vorarbeit geleistet hat. Und er hatte gewütet! Zornig über den Geruch eines Nebenbuhlers hatte er die Dämmstoffmatte zerrupft und einen Berg Dämmwolle verstreut. Seine Losung klebte an mehreren Stellen und die Reste einer Amsel waren zu erkennen. Die wichtigen Stellen rasch frei geräumt und Abfahrt, nicht dass wir zu spät kommen.

Bei der Ankunft auf dem Friedhof begann gerade die davor stattfindende Feier.

Etwas abseits parkte ein normaler silberner Kombi Mazda Premacy mit auswärtiger Nummer und hinten schwarzen Scheiben. Eine Aufschrift war nicht vorhanden. Die Heckklappe war offen und ein groß gewachsener Mann im Schwarzen Anzug lud Blumen und Gestecke aus und trug sie in die Feierhalle. Die Urne war bereits im Raum. Der Blumenschmuck war von allen Trauernden beim Bestatter in Auftrag gegeben worden, der den Auftrag an eine Gärtnerei gab. Dort hat er die Blumen abgeholt. Auch ein Fleuropgesteck fand seinen Weg hierher. Ich fragte den Mitarbeiter wegen der auswärtigen Nummer, worauf ich die Antwort erhielt, das habe nichts zu sagen, sie seien ein größeres Unternehmen. Er bat dann meinen Vetter 5 Min. vor Feierbeginn in die Feierhalle, um ihm den Inhalt der Urne zu zeigen. Inzwischen öffnete sich die Tür des Feierraumes daneben und eine recht junge Frau in Dienstkleidung (Friedhof oder Bestatter?) trug eine Urne gemessenen Schrittes vor sich her, gefolgt von etwa 10 Personen.

Langsam überquerte der Trauerzug ohne Blumen den großen freien Platz, bis er in einem der zahlreichen Seitenwege verschwand. Es war 13.02 Uhr. Wir wurden hereingebeten. Zwischenzeitlich waren es an die 50 Personen geworden. Beim Betreten des Raumes hatte schon der Chor der Gefangenen Per CD zu singen begonnen. Bis alle saßen, war der schon zur Hälfte vorbei. Die Urne stand auf einem Sockel, daneben das Foto der Tante wie man sie in Erinnerung hatte. Dahinter im Boden die Deckel der Anlage für Aussegnungsfeiern und späterer Kremation, Gleichmäßig verteilt die Gestecke. Die Urne war aus Stahlblech, blau mit einen Airbrushmotiv das ich als einen Baum vor weißem Nebel deutete. Vom oberen Rand hing eine Schnur herab, wie sie an manchmal Brillen zu finden ist. Nahtlos begann ein weiteres Musikstück mit Fagott und Klarinetten, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich versuchte an das zu denken was mir von Tante und Onkel in Erinnerung war und sah zu Urne und Bild hinüber. Meine Kehle brannte wie getrocknet. Gerne hätte ich gehustet, wollte aber auf keinen Fall auffallen und stören. Nicht mal zu räuspern traute ich mich. Es folgte das Ave Maria instrumental. Nachdem dieses vollendet war , folgte ein ähnliches Stück wie das Zweite. In der Hälfte des Stückes erhob der Bestatter seine Stimme und bat die Anwesenden sich aus Respekt vor der Verstorbenen zu erheben. Am Ende der Musik wurde ein Katafalk mit Brokatdecke heran geschoben. Hierauf kam die Urne und die Hälfte der Blumengebinde. Die Urne war dadurch unsichtbar geworden. „Da würde es gar nicht auffallen, wenn sie umfiele“ ging es mir durch den Kopf. Am liebsten wäre ich vorgegangen, um sie selbst zu tragen, doch was war das? Sonst bin ich doch auch nicht so schüchtern? Es waren alle näheren Verwandten da. Wie würden sie es auffassen, würden sie denken, dass ich mich in den Vordergrund stelle? Also hab ich es gelassen, und wir sind dann etwa 700 m bis zum Grab gepilgert. Beim Verlassen der Feierhalle näherten sich schon die Trauernden für die nächste Feier im Saal nebenan. Unterwegs musste der Zug kurz innehalten, da ein Trupp Gärtner unseren Trauerzug zu spät bemerkte und erstmal hektisch sein Arbeitsfahrzeug zur Seite stellte.
Am Grab angekommen, nahm eine Frau in Dienstkleidung (vom Friedhof oder Bestatter?) die Urne in die Hände und stand neben dem Grab. Der Bestatter schlug einen Ordner auf und verlas, dass Frau Helga Breitner geboren am……., /gestorben am…….. , ihre Augen für immer geschlossen hat. Der Rest des kurzen, vom Blatt gelesenen Textes enthielt keine weiteren persönlichen Dinge mehr sondern bestand für mich aus Allgemeingeschwafel, passend für alle Hinterbliebenen. Ich hatte mich schon die ganze Zeit gewundert, wie Tante beigesetzt werden kann, wo doch das Grab völlig unversehrt ist. Da nahm die Frau die Urne an der Schnur, und versenkte sie in der Mitte des Grabes hinter einer niedrigen Pflanze ungefähr 90 cm tief. Wow, obwohl ich nahe dran stand, konnte man das Loch nicht sehen.
Wie ein Fels stand nun der Bestatter mit einem Blumenkörbchen direkt nahe am Grab. Er hätte es ja auch auf einen Stuhl stellen können. Nein, stattdessen stand er riesengroß wie ein Denkmal da und ich kam sich vor als wolle er Aufpassen, dass man nur eine Blüte nimmt, und auch richtig trifft. Da hätte ich es mir etwas privater erwünscht. Nachdem der letzte Abschiednehmende zurückschritt, trat die Frau wieder in Aktion. Aus dem Gebüsch zauberte sie zwei Zehnlitereimer mit Erde, die sie in das Loch füllte. Es ging genau auf. Nach dem Glattstreichen war nicht zu erkennen, dass sich gerade an dem Grab etwas geändert hatte.
Zusammen luden sie den Blumenschmuck vom Katafalk und drapierten ihn übersichtlich.
Nun schlug der Bestatter wieder seinen Ordner auf um zu sinngemäß zu verkünden. „Liebe Trauernde, bitte behalten sie die Verstorbene jeder für sich so in Erinnerung, wie er sie erlebt hat. Der Südfriedhof Rabenberg und das Bestattungsinstitut Keulendorf danken für ihr Vertrauen.“
Von meinem Vetter erfuhr ich, dass das Institut nur so heißt wie der benachbarte Stadtteil, es sich um eine Kette handeln soll, und der Besitzer ein Spanier sein soll.
Während sich bei uns alles verläuft, warteten alle Gäste, bis der Bestatter und die Frau mit den restlichen Blumen 700 m hin, 700 m zurück, wieder da waren und sie positioniert hatten.
Nun eine neue Erfahrung, andere Länder, andere Sitten? Alle wurden zum Gruppenbild ans Grab gebeten und Bilder gemacht wie auf einer Hochzeit. Danach gab es Kaffee in einem anderen Stadtteil. Bei Gesprächen und Austausch von Erinnerungen entspannte sich die Atmosphäre. Als sich nach einiger Zeit einer nach dem anderen verabschiedete, machte auch ich mich auf die Rückreise. Ich wollte noch mal allein zum Friedhof, so wie ich es immer mache, wenn ich auf einer Bestattung war. Ich wollte noch ein paar Bilder vom Grab und den Blumen machen, auch im Auftrag meiner anderen Tante (87), die nicht mehr reisefähig ist und wissen möchte, wie es war.
Zu meinem Erstaunen lagen drei Stunden nach der Platzierung am Grab, bei dem Gesteck der Familie eines Vetters, viele der Blütenblätter bereits am Boden, und während zehn Sekunden Beobachtung rieselten schon wieder drei herab.
Ein stilles Gedenken, auch an meinen Onkel, Bilder vom Grab und ein Schleifenprotokoll. Am Samstag bei dem Vetter angerufen und gepetzt. Sein Kommentar:“Och neeee, das gibt aber Ärscher (Ärger)am Mondaach!“

Fehler durch Lektorin Anya bereinigt.

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  • Veröffentlicht am: 28. Juli 2008
  • 13 Kommentare
  • Veröffentlicht in: Allgemein

Veröffentlicht von

Der Schriftsteller Peter Wilhelm erzählt hier Geschichten und informiert als Sachverständiger über Bestattungen. Er ist Chefredakteur von "Bestatter heute".
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Produkttests gibt es hier. Peter Wilhelm ist auch bei Facebook.
Mehr über den in der Halloweennacht geborenen Autor findet man u.a. hier und hier. Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!

Peter Wilhelm peter wilhelm autorenlesung

13 Kommentare » Schreibe auch Du einen Kommentar

  1. Was kann der Bestatter denn dafür, daß du geblitzt wirst?

    Salat

  2. Auch wenn der Bestatter wohl zu einer Kette gehört, bisjetzt finde ich nix schlimmes daran zumindest wie es hier geschrieben is ^^

  3. Ich habe zwei Urnenfeiern erlebt und die waren weitestgehend anders, als die hier Beschriebene. Ich denke, das schwankt von Ort zu Ort, von Bestatter zu Bestatter.

  4. Schlimm ist da vermutlich auch nichts – die „Auflockerung“ des Textes durch Blitzer und Marder ist aber wohl nicht ganz so üblich beim Erzählen einer Trauerfeier/Beerdigung.

  5. Interessanter Schreibstil, und das meine ich nicht negativ.

  6. Es war 13.02 Uhr. Wir wurden hereingebeten. – Beim Betreten des Raumes hatte schon der Chor der Gefangenen Per CD zu singen begonnen. – Nahtlos begann ein weiteres Musikstück mit Fagott und Klarinetten. – Nachdem dieses vollendet war , folgte ein ähnliches Stück wie das Zweite. In der Hälfte des Stückes erhob der Bestatter seine Stimme und bat die Anwesenden sich aus Respekt vor der Verstorbenen zu erheben.

    ————————————————————

    Erinnert mich an eine Begebenheit vor etlichen Jahren, als mir 2 Minuten vor Beginn der Trauerfeier eröffnet wurde, dass der vorgesehene Redner aus der Familie nun doch nicht gekommen war. Ich selbst kannte nur die für die Beerdigung notwendigen Daten des Verstorbenen, sonst aber nichts aus seinem Leben. Da blieb halt auch nur die Aufforderung an die Trauergemeinde, jeder für sich seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und während die Lieblingsmusik des Verstorbenen spielte, gemeinsam erlebtes in Gedanken Revue passieren zu lassen. Zum Abschluss reichte es dann noch für ein gemeinsames Gebet. Habe mich seit dem nie wieder auf angekündigte Redner eingelassen, ohne dessen Kontaktdaten zu erhalten.

  7. Mir gefällt dein Schreibstil. Ist genau mein Ding.
    Marder und Blitzer – Beweist also, das tatsächlich das normale Leben weiter geht ;-), auch wenn beerdigt wird.
    Gut, verstehe auch, das gefällt nicht jedem.
    Mir fällt nix großartig Negatives auf- wart IHR denn damit zufrieden ?

  8. Sehr bemühter Stil.
    Ein bisschen Straffung und Konzentration auf das Wesentliche hätte schon viel geholfen. Vor allem passiert nicht sehr viel Bemerkenswertes…

  9. Also ich finde der Bestatter hätte sich ein wenig zurückhaltender verhalten können. Die Trauerrede fand ich etwas karg. Der Bestatter hätte auch ein wenig mehr auf das Leben der verstorbenen eingehen können.

  10. Diese „nicht blitzenden“ Blitzer arbeiten mit sehr tiefem
    Infrarot. Die nach aussen schwarz wirkenende Filterscheibe
    hat ihnen den Namen „Black Light“ eingebracht (damit
    ist aber nicht das Disco-Schwarzlich gemeint :) ).

    Bisher kenne ich die nur aus den Tunneln auf der Rennsteig-
    Strecke in Richtung Thueringen.

  11. Ja ja die nette Blitzanlage am Hermsdorfer Kreuz , sieht echt schick aus, aber es steht ja auch vorher ein ein 100Km Schild davor.
    (ja ich kenne die Strecke)
    Sonst ist auf der Strecke nix festes installiert.

    Ich habe in meinem leben erst 2 Urnenfeiern mitgemacht und muss sagen so schrecklich lief das nicht ab, bei Feier Nr. 2 war ich schon etwas älter und der Trauerredner hat nicht nur Phrasen gespuckt , das Grab war geöffnet und vernünftig zurecht gemacht. Die Urne hat der Redner im Grab versenkt.

  12. Nun, ich lese, das da jemand eine Reise getan hat, und seine Eindrücke dabei schildert. Ohne Bewertungen seine Gedanken und Empfindungen mitteilt. Irgendwie, so finde ich, verlief hier alles ein Wenig anders als erwartet und gewohnt.

  13. @Blitzmeister
    Völlig offtopic, aber ich habe mal gehört, beim Rennsteigtunnel sei gar kein „echter Blitzer“ installiert sondern lediglich Kameras, die die Tunneleinfahrt und Ausfahr überwachen und jeden melden, der zu früh für die zul. Höchstgeschwindigkeit an der Ausfahrt auftauchen?!?!

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