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Globuli

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Wenn Kinder sterben, dann ist das immer ganz besonders bitter. Die Chance, in einem langen Leben Glück, Vermehrung und Weisheit zu erfahren, bleibt ihnen verwehrt. Es ist einfach verkehrt, wenn junge Menschen sterben müssen.

Ich kann es selbst für mich im Kopf nicht klarmachen, weshalb wir überhaupt sterben müssen. Unser Leben ist doch von so viel Mühsal begleitet und wir streben doch danach, immer mehr zu lernen und vielleicht auch, Karriere zu machen. Und genau dann, wenn wir in den meisten Fällen das Höchstmaß an persönlicher Weisheit erreicht haben, dann gibt unser Körper auf. Irgendwie sinnlos, oder? Der für mich befriedigendste Erklärungsversuch scheint, dass wir hier nur Erfahrungen sammeln oder eine Läuterung durchmachen, die für irgendeinen postmortalen Zustand von Nutzen sein kann. Und ob dieses Erklärungsversuchs gibt es ja auch so viele Religionen.

Wenn aber Kinder quasi schon im Anlauf beim großen Spurt ins Leben weggerissen werden, dann denke ich vor allem eins: Wie schade.
Die Herren, die in unseren Gewerberäumen die Verstorbenen zurechtmachten, sind hartgesottene Gesellen. Nicht per se und nicht von Natur aus, aber der Beruf bringt es mit sich, dass man sich über kurz oder lang ein dickes Fell zulegt. Man kann nicht bei jedem Sterbefall oder jeder entstellten Leiche erneut in Schockstarre und tiefe Trauer verfallen. Das Sterben wird zum Alltagsgeschäft, der Tod zum selbstverständlichen Broterwerbs-Vermittler. Doch wenn die Männer, die schon so viel gesehen und erlebt haben, dann vor dem Präparationstisch stehen und ein kleines Kind für die Beerdigung anziehen, dann ist es mucksmäuschenstill. Man könnte denken, sie hören auf zu atmen, während sie schweigend arbeiten. Nur manchmal hört man unterdrückte Schluckgeräusche, die daher rühren, dass diese Männer in solchen Situationen auch schon mal dicke Tränen weinen. Dürfen sie auch, geht mir auch so.

Doch manchmal mischt sich in das Gefühl „wie schade“ und das unterdrückte Tränenwegschlucken auch blanke Wut. Es wallt ein tiefer Zorn in einem. Ich könnte dann, und solche Situationen gibt es nicht oft, tatsächlich zum Mörder werden. Mörder? Ja, ich weiß… Aber wer von Euch hat sich nicht schon einmal ausgemalt, wie es wäre, diesen oder jenen Menschen umzubringen; und sei es nur als fernes Gedankenspiel. Das imaginäre weiße Engelchen auf meiner rechten Schulter hält mich davon ab, den oft verlockend klingenden Einflüsterungen des kleinen schwarzen Teufelchens auf der anderen Schulter zu folgen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Du kein schwarzes Flüsterteufelchen hast.

Monika lernte ich kennen, als ihre Eltern mich zu einer Vorsorgeberatung in ihr Haus einluden. „Unsere Oma hat Demenz und ist im Heim. So langsam müssen wir uns darauf einstellen, dass sie sterben wird, hat der Doktor Lenz gesagt“, sagte die gutaussehende, schlanke Frau schon an der Eingangstür und gab mir erst dann eine Chance, sie zu begrüßen. „Kommen Sie durch ins Wohnzimmer, mein Mann ist auch schon da, er hat alle Unterlagen rausgesucht.“

Das Wohnzimmer hatte in etwa die Größe des Saarlands inklusive der uns abspenstig gemachten Teile auf französischer Seite. Offener Kamin, echter Steinfußboden, riesiges Panoramafenster zum gepflegten Garten und eine Bücherwand, die beeindrucken konnte. Der erwähnte Ehemann war dann bei näherer Betrachtung doch eher ein Ehemännchen, hörte auf den Namen Norbert und seine Rolle beschränkte sich an diesem Nachmittag auf geflissentliches Aufhüpfen und das eilige Herbeitragen jener Gegenstände, die seine Frau ihn zu holen gehieß. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird sich seine Rolle nicht darüber hinaus entwickeln, weshalb der geneigte Leser ihn und seinen Vornamen meinetwegen auch gleich wieder vergessen kann.

Interessanter ist in diesem Zusammenhang die gemeinsame Tochter des Ehepaares, Monika. Das neunjährige Mädchen kniete nahe dem Kamin auf einem Kuhfell und spielte mit einem ziemlich großen Feuerwehrauto. Höflich sprang sie auf, kam zu mir, gab mir die Hand und lächelte. Und dieses Lächeln verzauberte mich sofort. Da lag so eine gewinnende Freundlichkeit auf dem Gesicht des Kindes, das einem das Herz aufgehen ließ. Stockverliebt sagt mein Kumpel Bernd immer und meint wohl schockverliebt. Aber das darf man heute ja nicht mehr sagen, wenn es um ein Kind geht, sonst gerät man schnell in Gefahr als Kinderschänder verteufelt zu werden. Drum sage ich es so: Ich fand das Mädchen klasse.

Während Norbert Kaffee machte und seine Frau noch irgendwas im Haus zu erledigen hatte, sprach ich mit der Kleinen. Mir fiel nix Gescheiteres ein, als sie auf das Feuerwehrauto anzusprechen. Ich stamme ja noch aus einer längst weggegenderten Zeit, in der Mädchen mit Puppen und Jungs mit Autos spielten. War den Kindern nicht aufgezwungen worden, haben sie sich so zum Geburtstag oder vom Christkind gewünscht. Ich meine die Zeit, als der heilige Nikolaus noch ein Bischofsgewand trug und noch nicht Santa gerufen wurde und in Coca-Cola-freundlichem Rot-Weiß gekleidet war.

Jedenfalls erzählte Monika mir, dass sie alles, was mit Feuerwehr zu tun hat, einfach toll findet und wenn sie mal groß ist, wolle sie auf jeden Fall Feuerwehrmann werden. Ja, Feuerwehrmann. Das hat sie gesagt. Dabei leuchteten ihre Augen und sie erzählte mir, dass sie gerne im kommenden Jahr zur Jugendfeuerwehr gegangen wäre.

„Und? Warum machst Du das denn nicht?“

„Das geht doch nicht“, sagte Monika in einem Ton, der andeutete, dass sie voraussetzte, ich kenne den Grund eigentlich schon.

„Ja, warum denn nicht?“

Da zog Monika ihren Pulli bis knapp über den Bauchnabel hoch: „Da, wegen dem da.“

Ich sah eine Beule seitlich am Bauch, eine Ausbuchtung, etwa von der Größe eines mittleren Blumenkohls…

„Was machst Du denn schon wieder?“, unterbrach die Stimme von Monikas Mutter unser Gespräch: „Hat sie Ihnen etwa wieder ihre Schauermärchen erzählt? Sie hat zu viel Phantasie. Sie glauben ja nicht, wie überbordend die Albernheiten sind, die sich Monika einfallen lässt.“

Mit diesen Worten schob sie mich weg von Monika, hinüber zum Sofa, wo mir Norbert dienstbeflissen einige Unterlagen reichte. Das erinnerte mich daran, weshalb ich eigentlich gekommen war und ich packte meinen Aufnahmebogen aus. Noch während ich die Personalien der wahrscheinlich bald versterbenden Oma aufschrieb, ließ es mir keine Ruhe. Ich unterbrach und fragte Monikas Mutter: „Was hat Ihre Tochter denn? Sie hat mir ihren Bauch gezeigt. Ist das ein Tumor?“

„Ach, papperlapapp! Die Schulmediziner hätten gerne, dass wir das glauben, nicht wahr Norbert? Aber wir haben Reiman Rode befragt und der sagt, dass das schlechte Energien sind, die sich da manifestieren. Er hat uns Globuli gegeben und Monika schläft jetzt auf einer gelben Decke.“

„Und das hilft?“

„Ja, erstmal wird die Ausballung größer. Das ist aber völlig normal, sagt Reiman. Reiman war ja in Indien.“

Tja, wenn Reiman in Indien war, dann weiß er natürlich alles. Ich war auch schon mal in Indien. Und ich war schon mal in Nepal. Und ich finde, Nepal toppt Indien bei weitem, Nepal ist ja schon fast Tibet, Shangri-La und so… Jedenfalls sträubten sich bei mir die Nackenhaare. Was wollten die Leute mir da erzählen? Okay, keine Leute, Norbert grinste nur und nickte, an den Lippen seiner Gattin hängend und ihre Worte stumm mit seinen Lippen nachformend. Ich wusste genau, in was für eine Familie, in was für einen Dunstkreis ich unvermittelt hineingeraten war. Allein das Wort Schulmediziner hat alles ausgesagt, alles. Mehr musste ich nicht wissen, um zu wissen. Die Erwähnung der Globuli hatte dem Ganzen dann noch den Rest gegeben, quasi als Stempel unter meiner Vermutungskarte.

Was hatten wir da? Ein kleines Mädchen mit irgendeinem Gewächs unter der Bauchdecke. Einen Vater, der stumm Worte nachplapperte und eine Mutter, die das Gewächs für eine Ansammlung negativer Energie hielt. Ja, und dann gab es noch Reiman Rode, jemanden, der schon mal in Indien war, und der jetzt dem Kind eine gelbe Decke und Globuli verordnet hatte, um die schlimm aussehende Beule wegzubekommen.

Ich weiß ja nicht, wie Ihr darüber denkt, aber wenn meine Kinder Beulen am Bauch gehabt hätten, ich wäre mit denen zum Arzt gegangen.

„Wie, die Beule wird erst größer?“, fragte ich: „Normalerweise sollte sie doch von Rühmanns Behandlung kleiner werden.“

„Reiman! Reiman, mit einem N., eigentlich heißt Reiman ja Horst, aber der Name Reiman ist ihm verliehen worden, Sie wissen schon, Indien und so.“ Immer, wenn sie von diesem Rübezahl, Rühmann oder Reiman sprach, legte die Frau ihren Kopf so ein wenig auf die Seite und formte mit ihren Händen eine Raute vor der Brust. (Einfach mal an Frau Merkel denken und die Kanzlerinnenraute nach oben vor die Brust klappen.) „Wir vertrauen alle auf Reiman Rode, ist doch so, oder Norbert? Die Schulmedizin ist doch der verlängerte Arm der Pharmaindustrie und denen kommt es nur auf Umsatz an, Umsatz, Umsatz, Umsatz! Reiman schenkt uns nur Liebe und die tut uns gut.“

Gerade wollte ich auf den Blödsinn einsteigen, da schien es Monikas Mutter bewußt zu werden, dass das nur in eine fruchtlose Diskussion münden würde, an deren Ende sie vielleicht nicht gut da stünde. Deshalb entrautete sie sich, ihr Kopf rückte wieder aus der indischen Schulterhaltung in die Mitte und ab da herrschte ein geschäftsmäßiger Ton. Binnen einer guten Viertelstunde hatten wir die Vorsorgeunterlagen für die demente Oma unter Dach und Fach, sie unterschrieb, Norbert lächelte nur milde und Monika spielte leise Feuerwehr.

Die ganze skurrile Situation hat mich danach noch etliche Tage beschäftigt. Was, wenn das Kind ernsthaft krank ist? Ich bin kein Mediziner, aber so dicke Blumenkohlbeulen am Bauch sind ja nicht normal. Da muss mal ein Doktor draufschauen und kein liebeschenkender Indien-Onkel. Ich besprach die Sache mit meiner Frau, die in ihrer impulsiven Art am liebsten sofort da hingefahren wäre, um das Kind zu retten. Aber ich kenne das, in Wirklichkeit tauscht die nichtmal einen schimmeligen Joghurt um.

Nach ein, zwei Wochen war Monika und ihr Schicksal in irgendeine tiefe Nebenhöhle meines Gedächtnisses gerutscht, ich hatte viel zu tun, viel Stress und viel Verantwortung. Einen Monat später dachte ich gar nicht mehr an Monika und ihre Eltern, es waren inzwischen andere Dinge passiert, die durch ihre Aktualität das Erlebte sozusagen überschrieben hatten.

Es waren auf den Tag genau 11 Monate vergangen, nachdem ich Monika kennengelernt hatte. Ich weiß es noch wie heute, es war ein Freitag und meine Männer arbeiteten den Vormittagsdienst besonders eilig ab, denn das Wochenende lockte. Als ich unten in die Gewerberäume kam, war es aber auf einmal nicht mehr geschäftig und laut, sondern es herrschte diese Stimmung, die ich vorhin schon mal beschrieben habe. Stille, Bedrücktheit und Konzentration. „Ein Kind?“, fragte ich Manni. Er nickte und deutete mit seinem Kinn nach rechts. Ich ging in den, in dieser Richtung liegenden, Präparationsraum und sah…
Was soll ich schreiben, der geneigte Leser ahnt es schon: Es war Monika, die dort auf dem kalten Edelstahltisch lag und von Hugo eingekleidet wurde. Ein anderer Mann, dessen Name ich im Moment nicht mehr weiß, bürstete dem Mädchen die Haare. Monika sah friedlich aus, aber stark abgemagert. Ihre Augen lagen tief in den Augenhöhlen und ich kann nicht sagen, ob das an ihrer mutmaßlichen Krankheit lag oder einfach eine Folge des Todes war. Bei manchen Verstorbenen ist das einfach so.

Das Schade-Finden und der Zorn auf den Mißgriff des Sensenmannes wich bei mir innerhalb von Millisekunden einer ohnmächtigen Wut.

Mich beschäftigt dieser Fall heute noch, ich hätte was tun sollen.


BILDQUELLEN

Veröffentlicht von

Hier veröffentlicht der Publizist Peter Wilhelm Informationen und Geschichten rund um den Bestatterberuf.
Mehr über den an Allerheiligen geborenen Autor finden Sie u.a. hier und hier.
Der Autor lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Alle Texte rein zur Unterhaltung. Keine Rechts-, Steuer- oder Medizinberatung!


    



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Peter Wilhelm 3. Februar 2022

14 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wie gräßlich, das arme Kind. Und dazu noch diese verblödeten Eltern…..ob man da das Jugendamt hätte informieren können? Und diesen „Reiman Rode“ hätte man wegen Scharlatanerie anklagen können……

    • Hallo NIXE,

      diese Geschichte erinnert mich an den „Fall“ Olivia Pilhar, deren Vater dem Scharlatan Ryke Geerd Hamer und seiner sogenannten „Neuer Germanischer Medizin“ vertraute. Olivia hat überlebt. Ihr weiteres Schicksal habe ich nicht verfolgt.

  2. Sprachlos.

    Und das schreckliche Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, obwohl Du / ich / oder jemand anders nicht gewusst hätten, was man in so einer Situation „richtig“ hätte machen sollen.

  3. Vermutlich hätte es bestenfalls für eine Anzeige gegen Dich gereicht und ansonsten ohnehin nichts gebracht, denn so verbohrte, oder eher verblödete Menschen sind nicht zu überzeugen.

    Aktuell bei Tausenden zu sehen. Denn wer immer noch nicht verstanden hat, dass Impfungen nutzen, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Die Kinderlähmung war (fast) ausgestorben, bis die Skeptiker auftauchten und ihre Kinder mit Unterstützung irgendwelcher Ärzte nicht mehr impfen ließen, schwupps gab und gibt es wieder die Kinderlähmung.

    Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Ja, ich habe absolut nichts gegen Impfgegner, denn sogar in unserer Familie gibt’s welche, aber falls die vorzeitig den Löffel reichen, hält sich mein Mitleid arg in Grenzen.

    • Polio (Kinderlähmung) ist weiterhin auf dem aussterbenden Ast. Und hoffentlich bald komplett ausgelöscht. Nähere Infos, aktuelle Fallzahlen und Entwicklungen der letzten Jahre findet man kompakt und polioeradication.org.

  4. Das ist wahnsinnig traurig. So jung. Ein Tod für nichts und wieder nichts als für den esoterischen Glauben der Mutter. Dein Teufelchen hat recht.

    Ich habe einige Jahre in Fb-Gruppen verbracht, die sich in ihrer Esoterik vor allem auf Kinder bezogen. Germanische Medizin, Neurodermitis-Alternativen, MMS…
    Ich war dort aktiv, um die wirklich schlimmen Fälle an das Jugendamt melden zu können. Und davon gab es genug. Deswegen kann ich das auch nicht mehr. Es ist unglaublich, wie verblendet weiterhin Eltern ihren Kindern Schaden zugefügt haben in der sektenähnlichen Meinung, sie täten das absolut richtige.
    Ein Säugling blieb mir lange im Gedächtnis, aus der Neurodermitisgruppe. Keine 12 Wochen und der gesamte Schädel inklusive Nacken und Hände ein einziges offenes Blutbad. Die Mutter fragte, was sie neben ihren Heilkräutertinkturen noch tun könne, er habe starke Schmerzen, schreie nur noch und der Arzt würde nur Kortison verordnen. Aber das möchte die Mutter auf keinen Falle. Die Kommentarspalte war ein Sammelsurium von absurden Ratschlägen, Manuka-Honig, Brennnessel, Kamille, Muttermilch…. Kein einziger riet dazu, den Rat des Arztes zu befolgen. Alle sahen die selben Bilder wie ich auch, alle sahen die blutenden Stellen, und trotzdem meinte jeder, seinen Glauben an einem Säugling ausprobieren zu müssen. Ich hoffe immer noch, dass die damalige Meldung Erfolg hatte bevor das Baby eine Infektion, weitere Schmerzen oder langfristige Schäden davongetragen hat.

    Eine Meldung an das Jugendamt geht immer. Auch Anonym und ganz bequem über das Internet. Ja, man möchte niemanden hinhängen oder falsch beschuldigen. Aber tatsächlich hat ein schlechtes Gefühl oft recht. Wenn es um Kinder geht müssen wir alle genauer hinschauen, vor allem momentan, wo so viele Sicherheitsnetze (Schule, Kindergarten, regelmäßige Arztbesuche, Vereinssport…) wegfallen.

  5. Die Geschichte macht betroffen und traurig. Fassungslosigkeit und Wut in der reinsten Form.

    Aber nicht nur wegen des Kindes, deren Eltern in allem Überfluss lebend das Heil bei einem Geistheiler erhoffen; womöglich nur um ihrem Leben einen tieferen Sinn zu geben.

    Meine Gedanken gelten dann eher dir, lieber Undertaker. Sicher ist die Geschichte schon etliche Jahre her, aber sie berührt und verfolgt dich immer noch, auf vielen Ebenen. Die Hoffnungen des Kindes, welche durch die Eltern zunichte gemacht wurden. Die einmalige Begegnung mit der Kleinen, zu der du direkt einen Draht hattest. Und du stehst dann da mit einer ohnmächtigen Wut. Gegen den Tod, gegen den Heiler, gegen die Eltern, aber auch gegen dich.

    Dich als zufälligen „Mitwisser“, der vielleicht hätte etwas ändern können. Der bis heute von Zweifeln geplagt wird ob er sich richtig verhalten hat. Was wäre wenn du das z. Bsp. ans Jugendamt gemeldet hättest. Viele unbeantwortbare Fragen, mit denen Du leben musst während Monika keine Chance hatte.

    Diese (und bestimmt eine Menge weitere Sachverhalte) brennen sich ein, die zieht man nach der Arbeit nicht mir dem Sakko aus. Ich hoffe sehr für dich dass deine Behandlung Erfolg hat. Einem so (selbst-)reflektierenden Menschen wie dir, in einer Zeit aufgewachsen als ein Mann nur stark sein durfte, dürfte hier sehr viel auf der Seele lasten. Und immer die Fragen ob man was hätte tun können. Aber jede verstrichene Sekunde ist vorbei, die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Aber die Summe des bisherigen Lebens prägt uns als Mensch und Persönlichkeit und es geht immer weiter in Richtung Zukunft.

  6. Hallo zusammen 🙂
    Ich arbeite beim Jugendamt und ja, solche Dinge darf/soll/kann man bei uns melden! Auch anonym! Wir müssen jedem Hinweis nachgehen, da es sich um eine Kindeswohlgefährdung handeln könnte. Leider schauen immer noch zu viele Leute weg oder überlassen Kinder ihrem Schicksal.
    Liebe Grüße aus dem Raum Karlsruhe 🙂

  7. Mir fällt dazu nur ein Wort ein: „schrecklich“, und zwar für jeden. Für dich, für das Kind, und vermutlich auch für Eltern und Freunde. Sei einfach dankbar das du ihr einen kurzen Moment begegnen durftest. Manche Lichter brennen heller als andere, aber dafür manchmal um so kürzer.

    Danke das du dieses Erlebnis mit uns teilst, ich für meinen Teil werde diese Geschichte niemals mehr vergessen. (Genau wie die Geschichte von dem kleinen Mädchen was mit dem toten Vater das Wochenende zugebracht hat.)

    Diese Geister aus der Vergangenheit die einen quälen sind schrecklich… Ob dein einschreiten was geändert hätte? Das ist müßig zu hinterfragen. Nur mal angenommen das Amt wäre eingeschritten, Zwist mit den Eltern, ggf. aus der Familie gerissen, dann ohne Familienrückhalt schwerste Operationen/Behandlungen, und vielleicht wäre alles nur eine Leidensverlängerung gewesen. Das Schicksal ist unausweichlich.

    Was nun das wichtigste ist, du hast darüber geschrieben, viele lesen das, und dank der Kommentare werden sich hoffentlich einige dann nicht so ratlos/hilflos fühlen wie du, sondern für sich entscheiden ob sie das melden oder nicht.

    Nur mal so nebenbei zum angeblich starken Mann… den mieme ich auch oft gegenüber unserer Tochter, das führt zu einem unglaublichen Vertrauen, das einfach alles gut ausgeht wenn wir zusammen was machen, das ihr nichts passiert und wenn etwas sein muss, dann steht sie das mit mir durch. Sie (5) hält meine Hand und lässt ohne mit der Wimper zu zucken sich eine Platzwunde im Gesicht nähen. In Wahrheit aber war mir speiübel, mir tat jeder Nadelstich weh, ich war froh das sie meine Hand gehalten hat, sonst wäre ich vielleicht weggelaufen. DAS sind die starken Männer. Kinder geben uns jeden Tag die Chance ein besserer Mensch zu werden.

  8. Leider erlebt man so eine Haltung auch wenn es um potentiell tödliche Krankheiten geht immer wieder.

    Mein Stiefvater hatte 3 Jahre lange unbehandelten Lymphdrüsenkrebs und starb letzten Juli echt schlimm daran. Er probierte alles von Borax über MMS bis hochkonzentriertes Vitamin irgendwas….nur die Schulmedizin war böse. Allerdings war er am Ende bereit sich palliativ zu behandeln lassen..weil die Schmerzen zu groß waren.

    Was ich glaube ich nie verwinden werde, dass er mir als Behinderter/Rollstuhlfahrerin ständig Vorwürfe machte weil ich meine Erkrankungen behandeln ließ und lasse.
    Auch meinem Mann als er sich einen Nierenstein entfernen lassen mußte nahm er das übel.

    Alternativen zur Schulmedizin sind ja ok..solange sie nicht giftig sind und/oder den Tod geradezu einladen.

  9. Kindeswohlgefährdung ist so vielschichtig.

    Ich habe aus Unwissenheit (Ortsunkenntnis) kurz an einem Ort mit vielen bildungsfernen Ausländern gelebt. Viele hatten phantastische Kinder und nutzten ihre Chance den Kindern hier endlich nach Krieg, Armut, Unterdrückung und Not gute medizinische Versorgung, Schulbildung und eine tolle Erziehung zu bieten.
    Eine Familie konnte einfach nicht eine neue Kultur, einen neuen Umgang mit Kindern leben. Wieder und wieder hörte ich eine Mädchen schreien, vielleicht 3 Jahre alt. Sie war schüchtern, ängstlich und unsicher. Ich hörte immer wieder in dem hellhörigen Haus dumpfe Schläge und Geschrei. Sie war als Mädchen nichts wert. Die Jungs wurden hofiert, waren der Stolz der Familie. Als Kind war ich selbst Opfer und ich spüre, ich weiß einfach wenn Gewalt geschieht.
    Ich habe das Jugendamt verständigt, die Polizei gerufen…vergebens. Sie können erst etwas tun, wenn etwas passiert ist. Ja verdammt was muss denn passieren? Reicht das oben erzählte Beispiel erst aus?
    Wei es weiterging weiß ich nicht. Ich bin nach wenigen Wochen weggezogen.

    Meine Nachbarin erzählte mir vor kurzem, sie habe im Haus mal eine deutsche Familie gehabt mit einem Jungen. Die Eltern waren beide arbeitslos. Das Kind war ebenfalls schüchtern, ängstlich und nicht fähig normal zu spielen. Es konnte stundenlang im Bobbycar gegen eine Mauer fahren. Sprach man es an sagte es immer nur „ich hab nichts gemacht“. Das Kind schrie viel, es war sehr laut in den Wohnung. Sie rief das Jugendamt und auch die Polizei. Beide sagten, sie könnten nichts tun solange nichts (sic) passiert ist!

    Ich komme aus einer gebildeten, wohlhabenden Familie. Nach dem Tod meines Vaters begann es schleichend. Mal hier ein Bier nach der Arbeit, mal da ein wenig Wodka mit den Freundinnen. Mit 7 Jahren bekam ich die ersten Schläge die mit steigendem Alkoholkonsum heftiger und heftiger wurden. Mit 12 Jahren war ich mündig und informiert genug (dank LOGO Kinderfernsehen, das damals in den 90ern viel über Kinderrechte aufklärte) um das Jugendamt aufzusuchen. Mir wurde nicht geglaubt! Ich sollte mit meiner Mutter wiederkommen…!
    Erst als ich meiner Mutter androhte mich zu wehren und sie umzubringen, wenn sie mich nicht weggibt, rief sie selbst das Jugendamt an. Ich kam dann ins Kinderheim. Es war anders schrecklich, aber wenigstens war meine körperliche Unversehrtheit sicher.

    Es geschieht täglich und in jeder Schicht, jeder Ethnie und es kann in jedem Haus passieren. Mal sind es Schläge, mal Verwahrlosung, mal esoterische Gruppen oder Religionen die medizinische Behandlungen verbieten.

    Es gibt sicher engagierte, tolle Jugendamtsmitarbeiter. Leider können die nicht all die Missstände (angefangen beim Personalmangel) auffangen. So lange Kindeswohl aber Nebensache ist, solange werden kleine unschuldige Menschen sterben müssen.

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