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Schweinsbraten

Schweinsbraten hätte es geben sollen. Im Gasthaus Schöllmann. So war es schon bei der Beerdigung des Großvaters gewesen und bei der des Vaters. Wahrscheinlich waren auch früher schon alle Beerdigungsfeiern der Familie Wolnacz schon dort abgehalten worden, aber daran erinnerte sich keiner mehr. Allein Tante Martha hätte dazu noch etwas sagen können, aber war ja nun auch schon 12 Jahre tot.

Jetzt lag die Großmutter im Sterbsen und für alle stand fest, dass auch dieses Mal nach der Beerdigung im Gasthaus Schöllmann Schweinebraten gegessen würde. Nach dem Essen bekämen die Kinder noch ein Eis, die Frauen Kaffee oder Likör und so wie es Tradition war, würden sich die Männer zu einem Schnäpschen zuviel an der Theke versammeln.

Damit das alles auch so kommt, hatte die Großmutter vorgesorgt. Immer hatte sie gesagt: „Wenn mit mir mal was ist, dann findet ihr in der Klappe vom Wohnzimmerschrank einen Umschlag. Da ist Geld für die Beerdigung drin und ich habe aufgeschrieben, wie alles gemacht werden soll.“

Das gab der Familie ein gutes Gefühl. Nicht, dass man sich Sorgen darum gemacht hätte, wie die Oma beerdigt würde und welches Liedchen gespielt werden würde.
Nein, dass alles bezahlt sei, das war besonders beruhigend.

Opas Grab würde in zwei Jahren ablaufen und in genau dieses Grab sollte auch die Oma gebettet werden. 20.000 reichliche Euro hatte sie deshalb bereitgelegt, in jenem Umschlag in der Klappe im Wohnzimmerschrank.

Zwei Enkel hatte Oma Trude Wolnacz und diese beiden Enkel haben eine Stiefmutter. Und ganz anders als zu erwarten, ist diese Stiefmutter, die übrigens Julia heißt, nicht die Böse in dieser Geschichte.
Die Böse, so sollte es sich zeigen, ist Enkeltochter Beate.

Die hatte sich nämlich mit ihrem Bruder Martin heillos zerstritten.
Beate und Martin waren seinerzeit darüber in Streit geraten, wer denn bei der Beerdigung ihres Vaters mit in der Todesanzeige stehen sollte.
Martin war der Meinung, das müsse die Witwe und Stiefmutter Julia sein. Beate hatte das abgelehnt und wollte ihre leibliche Mutter und erste Frau des Verstorbenen in die Anzeige mit aufnehmen.

Martin hatte sich an die Stirn getippt: „Die hat Papa sitzen lassen, als wir 2 und 4 Jahre alt waren. Ich kenn‘ die gar nicht. Ich will von der auch nichts wissen. Meine Mama ist Julia, und darum muss die auch in die Anzeige!“

Beate sah das anders. Sie hatte irgendwann Anstrengungen unternommen, um ihre wahre Mutter zu finden und hatte dann eine lockere Verbindung zu dieser aufgebaut.

Die ganze Familie war Martins Auffassung. Nur Julia käme als wirkliche Ehefrau, Mutter und Witwe in Frage. Von der verschwundenen Kindsmutter wollte niemand etwas wissen.
Ja und weil das eben die Mehrheit war, so stand dann auch Julias Name in der Zeitungsanzeige.
Über diese vermeintliche Ungerechtigkeit war Beate nie weggekommen. Sie hatte dann Theater bei der Beerdigung gemacht, Theater bei der Erbschaft, Theater bei allem.

Jetzt stirbt die Oma und Beate ist gerüstet.
Seit Jahren hatte sie auf eine Gelegenheit gewartet, um endlich Rache für die erlittene Schmach nehmen zu können.
Als die Großmutter schon in Agonie lag und jeder wußte, dass sie sterben würde, ging Beate zu einem Bestatter. Sie besprach mit ihm schon einmal alles für die kommende Beerdigung.
Der Mann war höflich, freundlich und freute sich natürlich, bald den Auftrag zu bekommen.
Er notierte gewissenhaft die Wünsche seiner Kundin und Beate sparte an nichts. Ein großer Eichensarg solte es sein, ein Streichquartett sollte was von Schubert spielen und eine Sopranistin von der Oper war für das Ave Maria vorgesehen.
Als Trauerredner sollte Gudrian von Pompersleben fungieren, ein altgedienter Schauspieler von den städtischen Bühnen.

Allein für Blumen hatte Beate 2.500 Euro vorgesehen. Der Bestatter muss sich schon die Hände gerieben haben. Nur den Leichenschmaus mit dem obligatorischen Schweinsbraten hatte sie nicht in Auftrag gegeben. Diesen familiären Scheiß hatte Beate noch nie leiden können.
Den Auftrag würde Beate natürlich erst erteilen, wenn die Oma gestorben war und sie ihren Plan in die Tat umgesetzt hatte.

Beates Plan war einfach.
Sie würde, sobald die Großmutter gänzlich die Segnung des Zeitlichen vollendet hatte, abends mit ihrem Freund in die Wohnung der Oma gehen. Einen Schlüssel hatte diese ihr schon vor Jahren gegeben. Nur für alle Fälle. Aber davon wusste niemand etwas.
Dann würde sie im Wohnzimmer die Klappe des Wohnzimmerschranks öffnen und das Geld für die Beerdigung an sich nehmen.
In diesem Umschlag, das wußte Beate, würde sich auch das Testament der Oma befinden. Leider käme sie in diesem Letzten Willen nicht gut weg. Denn vor drei Monaten hatte die alte Dame ihr 50.000 Euro als Vorschuss auf das Erbe gegeben. Und das war auch nicht das erste Mal, dass Oma kräftig finanziell ausgeholfen hatte. Insgesamt hatte Beate für immer neue „Notfälle“ schon über 350.000 Euro erhalten. Die Großmutter hatte von ihrem Bruder ein ganz ordentliches Vermögen geerbt und besaß ein schönes Haus.

Dieses Haus und das restliche Geld sollte nun Martin bekommen. Beate würde nur noch einen kleinen Teil bekommen.

Beates Plan sah vor, sich die 20.000 Euro Beerdigungsgeld unter den Nagel zu reißen und das Testament zu verbrennen.
Vor allem war sie aber darauf aus, die Quittungen zu vernichten. Die Oma hatte sich nämlich der Ordnung halber die vielen Geldgeschenke an Beate quittieren lassen.
Beate hatte sich nie genau durchgelesen, was die Großmutter da aufgesetzt hatte, aber weg mussten die Zettel, soviel stand fest.

Sodann würde sie sich ahnungslos geben und gemeinsam mit Martin und der Stiefmutter Julia in Omas Wohnung gehen, um nach den Unterlagen und dem Geld zu sehen.
Beate rieb sich die Hände und grinste bei dem Gedanken daran, wie dumm die anderen aus der Wäsche schauen würden, wenn sich nichts finden würde.

„Oh“, würde sie dann sagen: „Ich habe das immer schon gemerkt, die Oma hat viel ausgegeben. Tja, jetzt ist offenbar kein Geld da und auch kein Testament. Dann werden Martin und ich als Erben das je zur Hälfte tragen. Wir bekommen ja beide das Haus und das Vermögen der Oma je zur Hälfte.“

So könnte Beate weiter verheimlichen, von ihrer Großmutter schon so viel Geld bekommen zu haben. Obendrein würde sie jetzt noch die halbe Villa und die Hälfte des Vermögens erben.
Die hohen Beerdigungskosten müsste Martin sogar noch mit bezahlen. Und dass Beate so viel für die Beerdigung ausgab, würde nur zeigen, wie lieb sie die Oma doch gehabt hat.

Doch Beate hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wie man so sagt.
In dieser Geschichte ist Julia, die Stiefmutter, der Wirt.

Martin hatte sich trotz des Streits mit seiner Schwester nicht vorstellen können, aber seine Stiefmutter hatte ihn gewarnt: „Martin, die wird da eine ganz große Nummer abziehen. Beate steckt voller Rachegelüste. Wenn meine Schwiegermutter jetzt stirbt, dann wird sie zuschlagen.“

Martin hatte nur abgewunken, war dann aber einverstanden, dass die Mutter aufpassen würde und Beate nicht traute.

Im Krankenhaus gaben sich Beate, Martin und Julia die Klinke in die Hand. Natürlich ohne dass Beate auch nur ein Wort mit ihrem Bruder und der Stiefmutter gesprochen hätte.
Sie würde erst angesichts der toten Oma gnädigerweise Frieden einkehren lassen, so hatte sie es geplant.

Am Sonntag starb die Oma. Ganz friedlich. Einfach eingeschlafen. Und leider allein, weil sie nämlich mitten in der Nacht aufhörte zu atmen, als niemand bei ihr war.
Ein pakistanischer Pfleger hatte sie bei einem Rundgang tot vorgefunden, ein diensthabender Arzt stellte den Totenschein aus und schon 10 Minuten später fuhr der Pakistaner mit der Oma im Aufzug in den Keller, wo ihr Bett zu den anderen Verstorbenen gestellt wurde.

Doch Aziz Raffad tat noch etwas. Etwas, für das ihm eine elegante Dame 50 Euro gegeben hatte und weitere 50 Euro in Aussicht gestellt hatte.
Er rief diese Dame an. So erfuhr Julia als Erste, dass die Oma gestorben war.

Julia hätte schon längst mit Martin in Omas Wohnung gehen können. Aber sie war sich zu fein, um wie eine Erbschleicherin in den Unterlagen ihrer Schwiegermutter zu wühlen.
Erstens hatte Julia rein zufällig mitbekommen, dass Beate beim Bestatter war, und zweitens hatte sie ihren eigenen Plan.

Gegen acht Uhr erfuhr auch Beate vom Tod der Großmutter. Sie fluchte. Gerne hätte sie früher davon erfahren, um bei Dunkelheit ins Haus der Oma zu gehen.
Vorher wäre ihr das zu unsicher gewesen, da Oma einen schwatzhaften Gärtner hatte. Na ja, jetzt war es auch egal, die Oma war tot und wer wollte es ihr als Enkelin verwehren, in den schweren Stunden der Trauer in den Räumen der Oma um sie zu trauern. Also beeilte sich Beate, um sich fein zu machen und benötigte für das Schminken und Kämmen und eine hastige Tasse Kaffee eine Stunde.
Und diese eine Stunde dürfte entscheidend gewesen sein.

Ihr erster Weg führte sie zum Haus der Großmutter. Mit dem Ersatzschlüssel in der Hand näherte sie sich der Haustüre und blickte sich ein paar Mal vorsichtig um.
Der Schlüssel war nur noch 10 Zentimeter vom Schloss entfernt, da fiel ihr Blick auf einen Aufkleber, der quer vom Türrahmen über das Schloss auf die Tür geklebt war.

„Amtlich versiegelt. Siegelbruch strafbar. Standesamt“

Kurz schoss es ihr durch den Kopf, es einfach so zu machen, wie im Krimi. Einfach mit dem Schlüssel das Siegel durchratschen und dann aufschließen…

Aber das Wort „strafbar“ schreckte sie ab. Mit schnellen Schritten ging Beate zum Auto zurück, setzte sich hinein und rauchte gierig und aufgeregt eine Zigarette.
Während sie noch an ihrer dünnen Zigarette mit dem weißen Filter zog, sah sie eine kleine Karawane näher kommen. Julia, Martin, ein stattlicher Herr und Familienanwalt Dr. Reckhaus näherten sich der Villa.

Was ging da vor?
Was wollten die alle da?

Beate schoss nur eins in den Sinn: ‚Ich muss da jetzt hin, ich muss jetzt dabei sein! Die werden das Testament suchen und vielleicht habe ich ja die Chance auf einen günstigen Augenblick um die Schriftstücke doch noch verschwinden zu lassen und das Geld zu nehmen.‘

So als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre stieg Beate aus und stöckelte auf die kleine Gruppe zu. „Das trifft sich ja wunderbar, da sind wir ja alle beieinander!“, sagte sie.

Martin hatte gerötete Augen und bekam vor lauter Kummer fast nichts mit. Julia hatte ein feines Lächeln um die Lippen. Dr. Reckhaus stellte den stattlichen Herrn als den Standesbeamten Kubick vor. Herr Kubick entfernte das Siegel und hatte erstaunlicherweise einen Schlüssel. „So, im Beisein der Erben und eines Rechtsanwalts öffne ich nun mit dem mir von Frau Julia Wolnacz zur Sicherung übergebenen Schlüssel das Haus Bohemiastrasse 13.“

Kaum war die Tür offen, war Beate auch schon drin. „Macht Ihr mal Euer Ding, ich koch‘ uns eben Kaffee“, flötete sie in höchstem Diskant.
Während die anderen noch im Flur standen, wollte sie durch die Küche ins Wohnzimmer huschen.

„Nichts da!“, rief der Standesbeamte. „Frau Julia Wolnacz war heute morgen bei mir und hat angegeben, dass die verstorbene Frau Wolnacz erhebliches Vermögen hat. In solchen Fällen bin ich als Standesbeamter berechtigt, zur Sicherung des Erbes Räumlichkeiten zu versiegeln. Dr. Reckhaus hat eine einstweilige Verfügung und Vollmacht, dass er als Anwalt und Testamentsvollstrecker der Verstorbenen hier nach Erbstücken und vor allem dem Testament suchen darf. Ich protokolliere das und die Familie hält sich bitte im Hintergrund, fasst nichts an und bleibt bei mir.“

Keine 45 Minuten später war alles vorbei. Eine ganze Mappe mit Schriftstücken nahm der Rechtsanwalt mit und Herr Kubick versiegelte wieder das Schloss.

Verzweiflung und Wut stiegen in Beate hoch.

Jetzt noch zum Bestatter zu gehen, hätte keinen Zweck. Sollten sich doch die Parasiten und Schmarotzer, die Schleimer und Erbschleicher darum kümmern. Dieses Pack hatte sie um ihr wohlverdientes Erbe gebracht. Sollten die doch zum Bestatter gehen und der Oma ein ärmliches Begräbnis gönnen.

Am Tag der Beerdigung kam Beate als Allererste. Mit einer großen schwarzen Sonnenbrille verdeckte sie ihre Augen und mit einem weißen Spitzentaschentuch tupfte sie sich ihre Tränen von der Wange. Sie sprach durch die Nase, so als ob ihre Stimme tränenerstickt sei. Großspurig ging sie auf jeden Trauergast zu und erzwang sich so eine ganze Flut von Beileidsbekundungen. Sie saß dann schon in der ersten Reihe, als Julia und Martin kamen.

Noch hatte Beate viel damit zu tun, mittels eines Schminkspiegels nach hinten zu schauen. Erst als die Musik einsetzte, schaute sie nach vorne.
Was war das? Das Schubert-Quartett spielte und in der Mitte stand der große Eichensarg, den sie ausgesucht hatte.
Und dann kam auch noch Kammerschauspieler Gudrian von Pompersleben und rezitierte aus der halben Weltliteratur. Mit tiefem Bariton hielt er eine gar wunderbare Rede auf die Verstorbene.

Am Ende sang die Sopranistin das Ave Maria.

Alles war exakt so abgelaufen, wie Beate es eigentlich vorgesehen, aber nie wirklich in Auftrag gegeben hatte.

„Schön, nicht wahr?“, fragte Julia und lächelte Beate an: „So hätte sich die Oma das gewünscht, meinst Du nicht?“

Nach der Beerdigung wurde draußen vor dem Friedhof noch geredet, viele kondolierten jetzt erst.

Beate blieb kurz bei Julia und Martin stehen: „Keine Ahnung, wie Ihr das gemacht habt. Aber den ganzen Scheiß hier, den bezahlt ganz schön Ihr. Ich habe da nichts unterschrieben!“

Martin blickte seine Mutter an und wollte etwas sagen, doch Julia ergriff das Wort. Mit aller Liebenswürdigkeit, die sie aufbringen konnte, sagte sie zu Beate: „Mein Kind, das werden wir bei der Besprechung des Testaments alles sehen. Ihr erbt doch schließlich beide. Am Ende wird alles gut.“

Wütend stapfte Beate davon. Auf der Heimfahrt grinste sie: ‚Na wenigstens habe ich keinen Leichenschmaus bestellt, für diese raffgierige Bagage.‘

Doch abermals hatte sie nicht mit Julias Weitsicht gerechnet. Denn während Beate das zu sich selbst sagte, schnitt der Wirt des Gasthauses Schöllmann bereits die ersten Scheiben vom Schweinsbraten ab.

Wenige Tage später traf man sich bei Dr. Reckhaus.

Beate war unsicher und ängstlich. Ihr Plan hatte nicht funktioniert. Eigentlich sollte sie jetzt 20.000 Euro in bar haben, aufgrund des fehlenden Testaments zur Hälfte Miterbin sein und von den Schuldscheinen der Oma befreit sein.
Julia war ihr zuvorgekommen.

Dr. Reckhaus bat alle Anwesenden, Platz zu nehmen.
Er blieb stehen und begann: „Als Rechtsanwalt und Notar diente schon mein Vater, Gott hab ihn selig, Ihrer Familie. Es ist mir eine Ehre, auch in dieser traurigen Angelegenheit jetzt als Testamentsvollstrecker für die Verstorbene und Sie tätig werden zu dürfen. Frau Gertrud Wolnacz hat mich bereits zu Lebzeiten hierzu berufen, eine entsprechende Vollmacht und letztwillige Verfügung händige Ihnen anschließend mit der für jeden Einzelnen bestimmten Mappe aus.

Kommen wir zum Erbe und dessen Verteilung…“

Gut eine Stunde lang sprach Dr. Reckhaus mit sonorer Stimme, nur ein einziges Mal unterbrochen, als seine Kanzleiangestellte Kaffee und Gebäck servierte.

Im wesentlichen erklärte er den Anwesenden folgendes:
Dr. Reckhaus erklärte, die Oma habe neben der kleinen Villa in der Bohemiastraße noch zwei Mietshäuser in der Innenstadt besessen. Auf den Konten befanden sich gut 660.000 Euro. Schmuck oder größere Wertgegenstände hatte die Oma nicht besessen. Zwei Skulpturen aus dem Besitz ihres Ehemannes sollte der städtische Kulturverein erhalten.
Es gab noch etliche weitere Dinge zu vererben, die der Anwalt penibel aufzählte. Das meiste davon hatte keinen bedeutenden materiellen Wert, war der alten Dame aber wohl wichtig gewesen, sonst hätte sie sich nicht für jedes Stück einen Erben überlegt. Ein Teppich und ein Legat in Höhe von 30.000 Euro sollte beispielsweise ihre langjährige Haushaltshilfe bekommen. Sogar den Mechaniker in ihrer Lieblingswerkstatt hatte sie noch mit 2.000 Euro bedacht.

An dieser Stelle war Beate der Kragen geplatzt: „Jetzt halten Sie sich doch nicht mit dem kleinteiligen Mist auf! Da sind die großen Brocken, und wir wollen alle wissen, wer das bekommt. Ich war die Lieblingsenkelin!“

Dr. Reckhaus hatte nur kurz über seine Halbbrille geschaut und war dann ungerührt mit dem Vorlesen der Erbschaftslitanei fortgefahren.
Erst als auch die Blumenfrau von der Hauptstraße ihre 500 Euro zugesprochen bekommen hatte und insgesamt 60.000 Euro verteilt waren, blickte er Beate an und sagte: „Nun kommen wir, wenn Sie gestatten, dass ich das so nenne, zu den großen Brocken.
Frau Gertud Wolnacz hat Ihnen, Frau Beate Wolnacz, ihre Schallplattensammlung vermacht. Hierbei handelt es sich um 421 Platten von Ella Fitzgerald, Louis Armstrong und weiteren Soul- und Jazzmusikern. Soll ich Ihnen die Platten einzeln vorlesen?“

Beate klatschte mit den flachen Händen auf den Tisch: „Ich hasse Jazz! Das hat Oma genau gewußt! Lesen Sie weiter!“

„Die Titel der 421 Platten?“

„Nein, verdammt noch mal, das große Erbe!“

Das erste Mal meldete sich Martin zu Wort: „Und wenn ich aber nun die 421 Plattentitel hören wollte?“

Julia trieb es auf die Spitze: „Könnten wir nicht auch in jede Platte mal kurz reinhören?“

Beate stand kurz vor dem Herzinfarkt. Doch Dr. Reckhaus milderte ab: „Ich fahre also fort, ohne die Plattensammlung einzeln zu benennen.“

Es kam schlimmer, als Beate es befürchtet hatte. Die Oma hatte nicht nur die Quittungen über die ganzen Geldgeschenke aufgehoben, sondern auf einer der Quittungen hatte Beate, ohne es durchzulesen, unterschrieben: „Im Gegenzug verpflichte ich Beate Wolnacz mich, für die Beerdigung meiner Großmutter zu sorgen, die Kosten in voller Höhe zu tragen und für 20 Jahre die Grabpflege zu übernehmen.“

Dr. Reckhaus hielt inne, doch eine Reaktion seitens Beate blieb aus. Diese kaute nur nervös auf ihrer Unterlippe herum.

„Meine Enkelin Beate hat in den letzten Jahren oft meine finanzielle Unterstützung benötigt. Diese habe ich Ihr gerne gewährt. Die Höhe der Summe ergibt sich aus den beigefügten Quittungen. So wie die Quittungen es besagen, hat Beate diese Summen als Vorschuss auf ihr Erbe bekommen. Das Geld auf meinen Konten vererbe ich meinen Enkeln Martin und Beate zu gleichen Teilen. Martin hat mich nie um etwas gebeten. Beate hat schon einiges im Voraus erhalten. Trotzdem soll Beate die Hälfte des Geldes auf meinen Konten erben, abzüglich der 350.000 Euro, die sie schon erhalten hat. Was übrig ist, soll Martin erhalten.“

„Ich lass mich doch nicht mit einem Almosen abspeisen!“, rief Beate. Keuchend fügte sie hinzu: „Was ist mit den Häusern, die Oma hinterlassen hat? Darauf habe ich einen Anspruch, wenigstens den Pflichtteil!“

Dr. Reckhaus schaute abermals über seine Brille: „Da haben Sie mich falsch verstanden. Ich habe nicht gesagt, dass die Erblasserin die drei Häuser hinterlassen hat. Ich sagte, sie hat sie besessen.“

„Und wo ist da der Unterschied?“

„Man kann nur etwas hinterlassen, das einem auch gehört. Die Häuser hat Frau Wolnacz zwar besessen, aber sie hat sie bereits vor 12 Jahren an Julia Wolnacz verkauft und zwar gegen eine Leibrente.“

„Was? Wie? Verkauft? Hä?“

Julia sagte nur: „Ja, meiner Schwiegermutter ist das alles zu viel geworden mit der Verwaltung der Häuser. Deshalb hat sie mir die Häuser verkauft. Dafür hat sie jeden Monat 70% der Mieterlöse als Leibrente bekommen. Ich beabsichtige, die Häuser nun Martin zu überschreiben.“

Als Julia dann in die Hände klatschte und sagte: „Sollen wir gemeinsam bei Schöllmann Schweinsbraten essen?“, explodierte Beate. „Ihr Erbschleicher, Ihr Schweine, Ihr geldgierigen Bastarde! Euch werde ich es zeigen! Was meint Ihr, wie es Euch geht, wenn Ihr Post von meinen Anwälten bekommt!“

Wutentbrannt schnaubte sie davon.
Die anderen gingen ins Gasthaus Schöllmann.

Übrigens: Martin und Julia haben von Beate nie wieder etwas gehört.
Es herrscht Feindschaft, aber das war vorher ja auch schon so.

Bild: pixel2013 / Pixabay

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Peter Wilhelm4. Oktober 2018

8 Kommentare von 140228.

  1. Nach der Pause eine tolle Wiedergutmachung. Klasse Story, vielen Dank!

  2. Tja, so ist das mit den netten Menschen, denen es oft wirklich nur um die Kohle geht.
    Wunderschön erzählt, hat Spaß gemacht zu lesen. Danke Herr Wilhelm.

  3. Kleiner redaktioneller Fehler denke ich:
    „Wütend stapfte Julia davon. Auf der Heimfahrt grinste sie: ‚Na wenigstens habe ich keinen Leichenschmaus bestellt, für diese raffgierige Bagage.“
    Das müsste doch Beate sein, die wütend davon stapft….

    • @Overtaker:
      Hier (eventuell) wohl auch:

      Noch hatte Julia viel damit zu tun, mittels eines Schminkspiegels nach hinten zu schauen. Erst als die Musik einsetzte, schaute sie nach vorne.

      Das müsste auch Beate sein, oder?

  4. Schöne Geschichte, die das mit den menschlichen Schwächen gut wieder gibt. In meiner Tätigkeit habe ich auch schon erlebt, das sich Leute in meiner Anwesenheit wegen des Erbes fast an die Gurgel gegangen sind!

  5. Und man lernt wieder: Nichts hinterlassen, dann gibt es auch weniger Streit.

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