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Hingerotzt II

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Die gute alte Frau Rotzler ist eingebettet und fertig für das Krematorium.
Ich betone ja immer wieder, wie wichtig es uns ist, daß die Verstorbenen immer anständig im Sarg liegen, egal wie der weitere Ablauf geplant ist. Ich kenne das von manchen Mitbewerbern, da liegen gerade die „Feuertoten“ in der Kiste, als seien sie direkt vom OP-Tisch einfach so hineingefallen.

Das gibt es bei uns nicht. Ich habe immer das Bild meiner verstorbenen Eltern vor Augen und möchte, daß jedem Verstorbenen der durch meine Hände geht, auch wenn es oft die Hände meiner Mitarbeiter sind, die gleiche Behandlung zuteil wird, wie einem nahen Angehörigen.

Natürlich, und da mache ich gar kein Geheimnis daraus, wird man einen Verstorbenen, der nur aus dem Krankenhaus geholt und dann gleich ins Krematorium gebracht wird, keine ganze Stunde zum Waschen, Kämmen, Schminken und Rasieren widmen, das würde und wollte uns auch keiner bezahlen. Aber sauber und ordentlich sieht es immer aus, jedenfalls so ordentlich, daß wir jederzeit ohne Angst und Bangen den Sarg noch einmal für die Angehörigen öffnen können, ohne daß diese einen Schrecken bekommen.

Gut, daß das so ist, den die Rotzlers sind am Nachmittag urplötzlich bei uns aufgetaucht, wollen noch einmal die Mutter sehen.
Einen kleinen Moment müssen sie in der Halle warten, wir müssen den Sarg erst aus dem Keller hochfahren und öffnen.

Weitere Schritte sind das Auszupfen des Kissens und das Planlegen der Decke. Wird der Deckel nämlich geschlossen, stopft man die Spitzen bzw. Ecken des Kissens etwas in die Tiefe des Sarges, damit später nichts davon vom Deckel eingeklemmt werden kann. Die Decke wird um den Verstorbenen herumgelegt, bzw. die Seitenteile an seine Körperseiten gelegt.
Muß der Sarg noch einmal geöffnet werden, bringen wird das wieder in Ordnung.

Die Rotzlers sitzen in der Halle, nur Michael steht, hat den Zeigefinger seiner rechten Hand bis zum Anschlag in das Nasenloch gesteckt, vermutlich bohrt er dort nach Öl. Harald, der Internetguru der Familie, hat einen Stapel von Ausdrucken dabei und rutscht von einer Pobacke auf die andere. Endlich sieht er mich, springt auf und wedelt mir mit den Blättern vor der Nase herum.

„Ich hab hier was aus dem Net! Is‘ von Stiftung Warentest. Die schreiben daß 90% immer alles überbezahlt ist.“

Ich schaue freundlich in die Runde, sage mal neutral „Guten Tag“, ignoriere die Ölhand von Michael, die er mir zum Gruß hinstreckt und schaue dann so ganz arrogant von oben herab auf Harald herunter.

„Ja, steht auf der Webseite von denen, 90% überbezahlt!“ sagt dieser und ich nicke nur freundlich.

Kurt Rotzler, Wortführer der Sippe, meint: „Bei Ihnen ist das nicht so, oder?“

Harald ist nicht damit einverstanden, daß Kurt sich einmischt und kommt zur Sache: „Ich brauche von Ihnen die Lieferrechnung für den Sarch, also was der so beim Sarchmacher kostet und eine Liste mit dem was Sie so für die anderen Sachen bezahlen.“

Klar, der Tünnes verlangt sicher auch beim Kauf einer neuen Markenjeans in seinem Klamottenladen solche Nachweise und würde dann staunen, daß sein 129-Euro-Markenprodukt von einer 3-Euro-pro-Woche-Fachkraft in Moldawien oder Litauen zusammengenadelt wurde, Stückpreis 6 Euro.

Michael hat den kleinen Finger seiner Linken abgespreizt und befreit mithilfe dieses Greiforgans sein linkes Ohr von irgendwelchen sekretbedingten Ablagerungen, die er hin und wieder ausgiebig betrachtet und dann, wenn er sich unbeobachtet fühlt, am unteren Saum seines Pullovers abstreift. Hauptsache der bleibt stehen, dann ist die Gefahr kleiner, daß er mir Popel unter die Möbel schmiert…

Sandy und Toni kommen, das ist für mich das Zeichen, daß die Verstorbene jetzt aufgebahrt ist und ich führe die Rotzlers zur Aufbahrungskabine.

„Ach nee, watt isse schön!“ ruft die ebenfalls erschienene Schwiegermutter

„Aber der Sarch is‘ zu teuer!“ gröhlt Harald und wedelt mir wieder mit seinen Zetteln vor der Nase herum. Er, der wohl am wenigsten zu den Bestattungskosten beitragen wird.

Man ist sehr angetan von der Verstorbenen, findet, daß sie schön da liegt und Sabine traut sich sogar, der Mutter noch einmal über die Hände zu streicheln. Harald geht das alles zu langsam, er ist mit seinem Anliegen noch nicht zum Zug gekommen und winkt wieder mit seinen Zetteln: „Was is‘ denn nu‘ mit ihren Lieferrechnungen, hä?“

Michael, immerhin Schwiegersohn der Verstorbenen, zieht seinen Unterarm aus der Nase, glotzt Harald kuhäugig an, schließt seinen offenstehenden Mund, schluckt einmal und sagt dann zu Harald: „Halt doch einfach mal die Klappe, Du Arsch!“

Harald weiß nicht wie ihm geschieht, dreht sich auf dem Absatz um und verläßt grummelnd und maulend unser Haus.
Die anderen bleiben noch zehn Minuten, drücken mir dann dankbar die Hand und bedanken sich.

Als die Rotzlers weg sind fragt Sandy: „Was hat der eine Kasper denn die ganze Zeit gewollt?“

„Nix“, sage ich, „der kennt sich bloß im Internet aus.“

„Ach Du Scheiße, so einer ist das“, sagt Sandy.

Peter Wilhelm 28. Mai 2012


8 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. also diese Rotzlers machen mir ja schon viel Spass.
    kommt vielleicht der Internetmensch nochmal zurück und sagt er habe ein Recht (nach EU!!!) auf die Lieferantenrechnungen?
    🙂

  2. A propos Warentest: Morgen erscheint von denen ein Sonderheft „Bestattungen“ (ist auf der Website schon angekündigt). Scheint für den Verlag ja doch ein vielversprechendes Thema zu sein.

  3. Naja… solche Leute die sich „Im Internet auskennen“ gibts auch in jeder Branche. Wirklich. Und da wird selbst dem IT-Fachmann erklärt wie er was zu tun hat, hat man ja in der Computer-Blöd mal was ähnliches gesehen…

  4. Ich glaub ich will garnicht wissen, die die Familie im wirklichen Leben hieß, wenn der Name schon „Rotzler“ heißt, nachdem er durch den Tom-Humor-Anonymisierungsfilter gelaufen ist.

  5. Einfach nur herrlich 😀 Dass es solche Menschen immer wieder gibt… die Stiftung Warentest hat bestimmt nicht geschrieben, dass 90% der Bestatter zu viel Geld nehmen… und selbst wenn 😀 Zu genial, wie du das immer wieder aushältst und uns daran teilhaben lässt.

  6. Auja, das Sonderheft besorge ich mir, und wenn wir mal eine Bestattung habe lege ich es beim Beratungsgespräch neben mich.
    Dazu noch eine Seites des Weblogs, am besten ein Beitrag, bei dem das Wort „Eichenlaub“ in der Überschrift steht. Ich denke, wenn er schon allein die Überschrift und das Fenster links sieht, bekommt er schon das Zittern und weiß, dass er verloren hat.
    „Drucken sie mal ihr Angebot aus, wir holen uns noch zwei andere Meinungen ein.“

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