Bestattung interkulturell: USA – Die Funeral-Escort-Services und die falschen Polizisten

Es gibt in den Vereinigten Staaten ein bemerkenswertes Phänomen, das man in dieser Form in Deutschland kaum kennt: Menschen treten als Ordnungshüter auf, obwohl sie keinerlei polizeiliche Befugnisse besitzen.

Menschen mit Polizeifantasien

Amerikanische Polizeibeamte arbeiten häufig allein im Streifendienst. Deshalb sind ihre Fahrzeuge und ihre persönliche Ausrüstung oft umfangreicher ausgestattet als man es hierzulande gewohnt ist. Uniformen, Funkgeräte, Schutzwesten, Gürtel voller Ausrüstung und oftmals eindrucksvoll gestaltete Fahrzeuge verleihen ihnen ein respektgebietendes Auftreten.

Nicht wenige Menschen scheinen von dieser Rolle fasziniert zu sein. Manche inszenieren sich deshalb selbst als eine Art Ordnungshüter, obwohl sie niemals Polizeibeamte waren. Sie genießen die Aufmerksamkeit, die Autorität und den Eindruck von Macht. Solange sie sich auf ein entsprechendes Auftreten beschränken, bleibt das meist folgenlos. Problematisch wird es, wenn solche Personen beginnen, Verkehrsteilnehmer anzuhalten, Menschen zu kontrollieren, Festnahmen vorzutäuschen oder sich in echte Polizeieinsätze einzumischen.

Die Welt der Funeral Escort Services

Neben den klassischen Fake-Cops existiert in den USA noch eine weitere Gruppe von Menschen, die gerne den Eindruck vermittelt, über besondere hoheitliche Befugnisse zu verfügen.

Dabei handelt es sich um die Betreiber und Mitarbeiter sogenannter Funeral Escort Services. Das sind private Unternehmen, die Trauerzüge auf ihrem Weg zum Friedhof begleiten.

Die amerikanische Bestattungskultur unterscheidet sich deutlich von der deutschen. Häufig findet die Trauerfeier in einer Kirche oder in einem Funeral Home statt, während der Friedhof viele Kilometer entfernt liegt. Nach der Zeremonie setzen sich die Trauergäste deshalb oft in ihren Fahrzeugen oder in angemieteten Limousinen in Bewegung und fahren gemeinsam als geschlossener Trauerzug zum Friedhof.

Für solche Prozessionen gelten in vielen Bundesstaaten besondere Verkehrsregeln. Ähnlich wie bei geschlossenen Militärkolonnen dürfen die Fahrzeuge als Verband zusammenbleiben. Hat das erste Fahrzeug eine Kreuzung bei Grün überquert, dürfen die nachfolgenden Fahrzeuge des Trauerzuges häufig ebenfalls passieren, selbst wenn die Ampel inzwischen auf Rot gewechselt hat.

Damit dieses Privileg funktioniert und andere Verkehrsteilnehmer den Konvoi nicht unterbrechen, kommen die Funeral Escorts zum Einsatz. Sie fahren meist auf Motorrädern oder in speziell ausgerüsteten Fahrzeugen voraus, sichern Kreuzungen und sorgen dafür, dass der Trauerzug geschlossen bleibt.

Um ihren Anweisungen Nachdruck zu verleihen, tragen viele dieser Begleiter Uniformen, Funktechnik, Schutzwesten und umfangreiche Ausrüstung. Einige statten sich zusätzlich mit Tasergeräten, Pfefferspray oder sogar Schutzausrüstung aus, die stark an Polizeiequipment erinnert. Auch ihre Fahrzeuge sehen echten Polizeifahrzeugen oft verblüffend ähnlich.

Lange Zeit wird dieses Auftreten vielerorts toleriert. Doch immer wieder kommt es zu Konflikten, weil einzelne Anbieter ihre Rolle deutlich überdehnen.

Wenn Trauerzugbegleiter zu Möchtegern-Polizisten werden

Wer sich entsprechende Videos im Internet anschaut, stößt schnell auf Szenen, die für europäische Beobachter befremdlich wirken.

Motorräder mit Blinklichtern rasen durch den Verkehr. Uniformierte Männer stellen sich mitten auf Kreuzungen. Fahrzeuge werden angehalten, Autofahrern werden Anweisungen erteilt und der Verkehr wird mit energischen Gesten geregelt.

Für viele Zuschauer stellt sich automatisch die Frage:

Seit wann übernehmen Bestatter oder deren Mitarbeiter Polizeiaufgaben?

Die Antwort lautet: Eigentlich gar nicht.

Genau deshalb sorgen diese Dienste in den Vereinigten Staaten immer wieder für Diskussionen, Beschwerden und gerichtliche Auseinandersetzungen.

Der besondere Stellenwert amerikanischer Trauerzüge

Während ein deutscher Trauerzug heute meist nur noch eine kurze Strecke zurücklegt, sind die Entfernungen in den USA oft erheblich größer.

Zwischen Kirche, Funeral Home und Friedhof liegen nicht selten viele Kilometer. Teilweise führt die Route sogar über mehrspurige Schnellstraßen oder Autobahnen.

Damit die Kolonne nicht auseinandergerissen wird, entstanden die Funeral Escort Services.

Ihre Aufgabe besteht darin, den Trauerzug zusammenzuhalten und einen möglichst störungsfreien Ablauf sicherzustellen. In zahlreichen Bundesstaaten genießen solche Trauerzüge deshalb besondere Verkehrsprivilegien. Fahrzeuge eines ordnungsgemäß gekennzeichneten Konvois dürfen unter bestimmten Voraussetzungen auch dann noch eine Kreuzung überqueren, wenn das Signal inzwischen auf Rot gewechselt hat.

Video zum Thema

Das folgende Video zeigt eindrucksvoll, wie manche dieser Escort-Dienste ihre Aufgaben interpretieren und wo die Grenze zwischen Begleitung und überzogenem Auftreten verschwimmen kann.

Private Dienstleister statt staatlicher Beamter

Früher wurden zahlreiche amerikanische Trauerzüge tatsächlich durch Polizeibeamte begleitet.

Mit der Zeit erwies sich dies jedoch vielerorts als zu aufwendig und zu teuer. Deshalb übernahmen private Unternehmen diese Aufgabe.

Heute werden Funeral Escorts häufig direkt von Bestattungsunternehmen engagiert und als kommerzielle Dienstleistung angeboten.

Genau hier beginnt die rechtliche Grauzone.

Denn die Mitarbeiter dieser Firmen sind keine Polizisten. Dennoch entsteht bei vielen Beobachtern häufig genau dieser Eindruck.

Die Macht der Uniform

Viele Funeral Escorts tragen Motorraduniformen, die auf den ersten Blick professionell wirken.

Dazu gehören häufig:

  • Stiefel
  • Funkgeräte
  • Schutzwesten
  • Motorradhelme
  • Blaulichter
  • Abzeichen

Für den durchschnittlichen Verkehrsteilnehmer sieht das oft wie ein offizieller Polizeieinsatz aus.

Genau darauf verlassen sich manche Anbieter. Wer einem Motorrad mit Blinklicht begegnet, dessen Fahrer energisch den Verkehr dirigiert, hinterfragt selten, welche Befugnisse diese Person tatsächlich besitzt.

Branchenkenner berichten seit Jahren, dass gerade solche Tätigkeiten Menschen anziehen, die gerne Autorität ausüben und sich in einer quasi-polizeilichen Rolle sehen.

Die meisten Autofahrer folgen den Anweisungen deshalb ohne Widerstand.

Welche Befugnisse besitzen Funeral Escorts wirklich?

Die Antwort fällt je nach Bundesstaat unterschiedlich aus.

In einigen Regionen existieren gesetzliche Regelungen, die speziell zertifizierten Funeral Escort Officers bestimmte Aufgaben erlauben. Dort dürfen sie unter definierten Voraussetzungen Kreuzungen sichern oder Verkehrsbewegungen koordinieren.

In anderen Staaten verfügen sie über keinerlei vergleichbare Rechte.

Dort dürfen sie lediglich den Trauerzug begleiten, aber keine hoheitlichen Eingriffe in den Verkehr vornehmen.

Das Problem besteht darin, dass die meisten Verkehrsteilnehmer diese Unterschiede nicht kennen.

Der Fall Jeremy Dewitte

Besonders bekannt wurde in diesem Zusammenhang Jeremy Dewitte aus Florida.

Dewitte betrieb einen Funeral Escort Service und geriet immer wieder in die Schlagzeilen, weil er sich wie ein Polizeibeamter präsentierte oder zumindest bewusst diesen Eindruck erzeugte.

Seine Fahrzeuge, Uniformen und sein Verhalten führten zu zahlreichen Ermittlungen. Schließlich wurde er mehrfach wegen der unzulässigen Vortäuschung polizeilicher Befugnisse verurteilt.

Seine Auftritte verbreiteten sich millionenfach über soziale Medien und Videoplattformen.

Zu sehen sind dort unter anderem:

  • aggressive Fahrmanöver,
  • laute Anweisungen gegenüber Autofahrern,
  • das eigenmächtige Sperren von Kreuzungen,
  • und ein Auftreten, das eher an einen Polizeieinsatz als an einen Trauerzug erinnert.

Für viele Amerikaner wurde Dewitte dadurch zum Sinnbild einer Branche, deren Vertreter sich gelegentlich für bedeutender halten, als sie tatsächlich sind.

Warum diese Entwicklung problematisch ist

Der ursprüngliche Gedanke hinter Funeral Escorts ist durchaus nachvollziehbar.

Ein Trauerzug soll geschlossen bleiben. Angehörige sollen nicht den Anschluss verlieren. Die Fahrt zum Friedhof soll geordnet und sicher verlaufen.

Gefährlich wird es jedoch dort, wo private Dienstleister beginnen, sich wie staatliche Ordnungskräfte zu verhalten.

Insbesondere an stark frequentierten Kreuzungen oder im dichten Stadtverkehr können dadurch Situationen entstehen, die sowohl rechtlich als auch sicherheitstechnisch problematisch sind.

Ein Phänomen, das typisch amerikanisch wirkt

Aus deutscher Sicht erscheint dieses System oftmals befremdlich.

Hierzulande würde kaum jemand akzeptieren, dass private Unternehmen in Uniform den Verkehr kontrollieren oder Kreuzungen eigenmächtig sperren.

In den Vereinigten Staaten hingegen gehören große Trauerzüge und ihre Begleitdienste vielerorts noch immer zum gewohnten Bild.

Solange die Gesetzgebung von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich bleibt, wird auch die Diskussion darüber weitergehen, welche Rechte Funeral Escorts tatsächlich besitzen sollten.

Fazit

Funeral Escort Services entstanden ursprünglich aus einem praktischen Bedürfnis heraus: Sie sollten dafür sorgen, dass Trauerzüge sicher und geschlossen ihr Ziel erreichen.

Je nach Bundesstaat verfügen diese Begleitdienste über mehr oder weniger umfangreiche Befugnisse. In vielen Fällen handelt es sich jedoch lediglich um private Dienstleister und nicht um staatliche Ordnungskräfte.

Problematisch wird es immer dann, wenn einzelne Begleiter bewusst den Eindruck erwecken, Polizeibeamte zu sein.

Der Fall Jeremy Dewitte zeigt eindrucksvoll, wie schnell die Grenze zwischen hilfreicher Eskorte und fragwürdiger Polizeidarstellung verschwimmen kann.

Für viele deutsche Beobachter wirken solche Szenen wie eine Mischung aus Actionfilm und Realsatire.

In zahlreichen Regionen der Vereinigten Staaten gehören sie jedoch bis heute ganz selbstverständlich zum letzten Geleit eines Verstorbenen.

Episodenliste: 


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