Bestattung interkulturell: Bulgarien -2-

Eine Beerdigung in Bulgarien – Mein Freund Winnie berichtet von einem Abschied, der mich überrascht hat: Als ich vor einigen Jahren nach Bulgarien zog, war mir bewusst, dass vieles anders sein würde als in Deutschland. Andere Sprache, andere Mentalität, andere Traditionen. Doch wie groß die Unterschiede tatsächlich sind, merkt man oft erst in besonderen Situationen. So ging es mir, als eine gute Bekannte meiner Frau verstarb und ich zum ersten Mal eine bulgarische Beerdigung miterlebte.

Die Frau war am Freitagmorgen gestorben. Bereits am Samstag oder spätestens am Sonntag fand die Beerdigung statt. Das ist hier nichts Ungewöhnliches. Die Bestattungen erfolgen oft sehr kurzfristig.

Das Bestattungsinstitut

Die Trauerfeier begann in einem Bestattungsinstitut mit dem Namen “Mira”. Von außen wirkt das Unternehmen eher klein und unscheinbar. Wer jedoch nur die Gebäude an der Straße sieht, ahnt nicht, dass sich dahinter ein weitläufiges Gelände mit mehreren Hallen befindet.

Dort war der Sarg aufgebahrt. Jeder Trauergast erhielt beim Betreten eine dünne Kerze, wie sie in orthodoxen Kirchen üblich ist. Sie war vielleicht fünf Millimeter dick und rund 25 Zentimeter lang. Unten befand sich ein kleiner Pappring als Tropfschutz, auf dem zugleich Name und Anschrift des Bestattungsunternehmens aufgedruckt waren. Werbung scheint also selbst hier ihren Platz zu haben.

Ein ungewöhnlich geschlossener Sarg

Zu meiner Erleichterung blieb der Sarg während der gesamten Feier geschlossen.

Wie ich später erfuhr, ist das in Bulgarien eher die Ausnahme. Normalerweise werden Verstorbene offen aufgebahrt und der Sarg wird erst unmittelbar vor der Beisetzung verschlossen. Das kenne ich aus Deutschland nicht und ehrlich gesagt war ich ganz froh, dass mir diese Erfahrung erspart blieb.

Die Schwester der Verstorbenen erklärte uns, dass ihre Schwester zuletzt so schwer gezeichnet gewesen sei, dass man bewusst auf eine offene Aufbahrung verzichtet habe.

Der Sarg selbst fiel mir allerdings sofort ins Auge. Er wirkte ausgesprochen mitgenommen und sah aus, als habe er schon bessere Zeiten erlebt. Ich musste unwillkürlich an die Geschichten aus Deutschland denken, in denen von einem uralten Vorführsarg berichtet wird, der jahrelang im Bestattungshaus herumsteht.

In diesem Fall lag der Grund wohl woanders. Die Verstorbene war stark übergewichtig gewesen. Vermutlich hatte man schlicht einen besonders großen Sarg benötigt.

Dabei musste ich an die vielen gemeinsamen Nachmittage denken, an denen wir zusammen Torte essen waren. Sie war ein ausgesprochen fröhlicher Mensch, erzählte gerne Witze und lachte viel. Mit meinem bescheidenen Englisch und ihren Sprachkenntnissen konnten wir uns erstaunlich gut verständigen. Umso trauriger war es, sie nun auf diese Weise verabschieden zu müssen.

Erst der Priester, dann das Buffet

Nachdem der orthodoxe Priester seine Gebete gesprochen hatte, wurden die Kerzen wieder eingesammelt. Anschließend wechselte die gesamte Trauergemeinde in das obere Stockwerk.

Dort wartete ein Buffet, das mich regelrecht sprachlos machte. Es gab eine beeindruckende Auswahl an Speisen, Kuchen, Salaten und anderen Köstlichkeiten. Nach deutschem Verständnis hätte man meinen können, man befinde sich auf einer Familienfeier und nicht auf einer Beerdigung.

Da fast ausschließlich Bulgaren anwesend waren, verstand ich kaum ein Wort der Gespräche. Das Essen spielte jedoch offensichtlich eine wichtige Rolle beim gemeinsamen Abschied.

Der Friedhof

Nach einiger Zeit fuhren alle Trauergäste zum Friedhof, der einige Kilometer entfernt lag. Interessanterweise traf der Bestattungswagen mit dem Sarg erst deutlich später ein. Die Angehörigen warteten bereits am Grab.

Die Friedhöfe hier unterscheiden sich deutlich von denen in Deutschland. Die Gräber liegen sehr dicht nebeneinander. Zwischen ihnen ist vielerorts grüner Kunstrasen verlegt, sodass man den eigentlichen Untergrund kaum erkennen kann.

Das wurde mir prompt zum Verhängnis. Unter dem Kunstrasen verbarg sich offenbar ein alter Baumstumpf. Natürlich war ich derjenige, der darüber stolperte. Nur mit Mühe konnte ich mich an einem Grabstein festhalten und einen Sturz verhindern. Zum Glück war der Stein stabil genug. Die nachfolgenden älteren Trauergäste waren nun wenigstens gewarnt und konnten vorsichtiger darüber hinwegsteigen.

Das geheimnisvolle Zelt

Am Grab stand ein kleines Zeltdach. Zunächst fragte ich mich, welchem Zweck es dienen sollte. Es gab keine Sitzplätze, keine Lautsprecheranlage und auch keinen Priester.

Dafür tauchten nach und nach mehrere Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens auf. Einer kam mit dem Fahrrad angefahren und trug eine Schaufel über der Schulter. Ein weiterer erschien ebenfalls mit einer Schaufel, schließlich kam noch ein Mann mit einer Spitzhacke hinzu.

Erst danach traf auch der Leichenwagen ein.

Ein Grab, das zu klein war

Nun begann der Teil der Beerdigung, der mich wohl am meisten überrascht hat. Der ausgesprochen schwere Sarg wurde von zeitweise sechs Männern mühsam zum Grab getragen.

Doch dort stellte sich heraus, dass der Sarg schlicht nicht hineinpasste.

Also griff einer der Männer zur Spitzhacke und begann, den Grabboden nachzuarbeiten. Es wurde gehackt und geschaufelt.

Ein neuer Versuch.

Wieder passte der Sarg nicht.

Also erneut Spitzhacke und Schaufel.

Offenbar wurde lediglich der untere Bereich des Grabes erweitert. Schließlich entschieden sich die Männer, den Sarg schräg in die Öffnung zu drücken und anschließend die obere Seite mehr oder weniger ins Grab fallen zu lassen.

Es war keine würdevolle Szene.

Ich konnte nur hoffen, dass die Verstorbene im Inneren des Sarges nicht allzu heftig verrutscht war.

Der letzte Abschied

Jetzt verstand ich auch den Zweck des kleinen Zeltes. Jeder Trauergast nahm mit der bloßen Hand etwas Erde oder Schlacke vom Grabaushub auf und warf sie auf den Sarg.
Ich hatte das Pech, einen größeren Stein zu erwischen. Eigentlich wollte ich ihn vorsichtig an den Rand werfen. Leider prallte er ab und landete mit einem deutlich hörbaren Schlag direkt auf dem Sargdeckel.

Ein unangenehmer Moment.

Anschließend ging jeder zum Zelt, wo eine Frau Wasser aus einem Kanister über die Hände laufen ließ. Eine Möglichkeit zum Abtrocknen gab es allerdings nicht. Papierhandtücher oder Stofftücher waren nicht vorhanden.

Alles ging erstaunlich schnell

Kaum hatte der letzte Trauergast das Grab verlassen, begannen die Arbeiter sofort damit, es zuzuschaufeln. Es gab keine Grabrede. Keine Musik. Keine weiteren Abschiedsworte.

Die eigentliche Beisetzung dauerte nur wenige Minuten.

Mich überraschte vor allem, dass niemand darüber verärgert oder enttäuscht schien. Für die Anwesenden war der Ablauf offenbar völlig selbstverständlich.

Interessant fand ich auch einen kleinen Moment kurz vor der Beisetzung. Jemand meinte, man dürfe beim Absenken des Sarges nicht hinsehen und müsse sich abwenden. Ich hielt das spontan für Aberglauben und sagte das auch leise zu meiner Frau. Fast zeitgleich erklärte offenbar jemand anderes den Anwesenden auf Bulgarisch dasselbe. Tatsächlich drehten sich anschließend alle wieder zum Grab um und beobachteten den weiteren Ablauf.

Mein Eindruck

Nach allem, was ich erlebt habe, unterscheidet sich eine bulgarische Beerdigung in vielen Punkten deutlich von dem, was ich aus Deutschland kenne.

Der religiöse Teil besitzt zwar seinen festen Platz, doch insgesamt wirkt der Ablauf wesentlich pragmatischer und weniger feierlich, als ich es erwartet hätte. Vieles erscheint improvisiert, manches überrascht, anderes wirkt auf deutsche Besucher ungewohnt oder sogar befremdlich.

Gleichzeitig hatte ich aber nie den Eindruck, dass die Angehörigen weniger trauerten oder ihrer Verstorbenen weniger Respekt entgegenbrachten. Sie verabschiedeten sich einfach auf eine andere Weise, geprägt von den hier üblichen Traditionen und Gepflogenheiten.

Gerade solche Erlebnisse zeigen, wie unterschiedlich Menschen in Europa mit Tod, Abschied und Bestattung umgehen – und dass das, was uns selbstverständlich erscheint, anderswo ganz anders gelebt wird.

Episodenliste: 


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