So wird in Russland Abschied genommen – Russland ist flächenmäßig das größte Land der Erde und zugleich kulturell und religiös außerordentlich vielfältig. Zwar gehört ein großer Teil der Bevölkerung der russisch-orthodoxen Kirche an, doch leben dort auch Muslime, Buddhisten, Juden und Angehörige zahlreicher anderer Glaubensgemeinschaften. Entsprechend unterschiedlich können Bestattungen ausfallen.
Wenn wir von einer „russischen Bestattung“ sprechen, ist damit in den meisten Fällen die russisch-orthodoxe Bestattungstradition gemeint. Diese prägt bis heute viele Abschiedsrituale – selbst bei Menschen, die im Alltag kaum religiös leben.

Der Tod ist eine Angelegenheit der Familie
Stirbt ein Angehöriger, übernimmt meist die Familie einen großen Teil der Organisation. Obwohl es selbstverständlich Bestattungsunternehmen gibt, ist die Mitwirkung der Angehörigen oft stärker ausgeprägt als in Deutschland.
Traditionell wird der Verstorbene gewaschen, angekleidet und für den Abschied vorbereitet. Häufig trägt er helle oder festliche Kleidung als Zeichen der Hoffnung auf die Auferstehung. Auf die Stirn wird oftmals ein schmales Papierband mit einem Gebet gelegt. Außerdem werden Ikonen oder ein kleines Kreuz in die Hände gelegt.
Abschied am offenen Sarg
Ein deutlicher Unterschied zu Deutschland besteht darin, dass der Verstorbene häufig im offenen Sarg aufgebahrt wird.
Familie, Freunde und Nachbarn verabschieden sich persönlich. Viele bekreuzigen sich, sprechen ein Gebet oder küssen zum Abschied eine Ikone, die Stirn oder die Hand des Verstorbenen. Dieser letzte persönliche Abschied besitzt in der orthodoxen Tradition einen hohen Stellenwert.
Die Trauerfeier
Vor der eigentlichen Beisetzung findet in der Regel ein orthodoxer Trauergottesdienst statt.
Im Mittelpunkt stehen Gebete für den Verstorbenen. Anders als in katholischen oder evangelischen Kirchen gibt es keine Orgelmusik. Die Liturgie wird ausschließlich gesungen, meist von einem Chor oder den Geistlichen selbst. Weihrauch, Kerzen und Ikonen prägen die Atmosphäre.
Der Gottesdienst dauert häufig zwischen einer und anderthalb Stunden und folgt einer jahrhundertealten festen Ordnung.
Traditionell bevorzugt: die Erdbestattung
Traditionell bevorzugt die russisch-orthodoxe Kirche die Erdbestattung.
Sie knüpft dabei an den biblischen Satz „Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren“ an. Zwar nimmt die Zahl der Feuerbestattungen in Russland seit einigen Jahren zu, insbesondere in den Großstädten, doch gilt die Erdbestattung für viele Gläubige weiterhin als die angemessene Form des Abschieds.
Das Grab
Auf russischen Friedhöfen fallen häufig die charakteristischen orthodoxen Grabkreuze auf. Sie besitzen neben dem oberen Querbalken einen zweiten schrägen unteren Balken. Dieser soll das Fußbrett am Kreuz Christi symbolisieren.
Viele Gräber werden später mit aufwendigen Grabsteinen versehen. Besonders verbreitet sind große, polierte Granitplatten mit eingravierten Fotografien des Verstorbenen. Auch Bänke und kleine Tische direkt am Grab sind keine Seltenheit.
Das Trauermahl
Nach der Beisetzung versammelt sich die Trauergemeinde zu einem gemeinsamen Essen, dem sogenannten Pominki.
Dieses Trauermahl gehört fest zur russischen Bestattungskultur. Es dient nicht nur der Bewirtung der Gäste, sondern vor allem dem gemeinsamen Erinnern an den Verstorbenen.
Typischerweise werden Brot, Suppen, Fisch- oder Fleischgerichte sowie süße Speisen gereicht. Fast immer gehört auch Kutja dazu – ein traditionelles Gericht aus gekochtem Weizen oder Reis mit Honig, Rosinen und manchmal Nüssen. Es symbolisiert Auferstehung und ewiges Leben.
In vielen Familien wird außerdem Wodka ausgeschenkt. Dabei wird auf den Verstorbenen angestoßen und seiner gedacht.
Das Totengedenken endet nicht mit der Beerdigung
In der russisch-orthodoxen Tradition besitzt das Gedenken an die Verstorbenen eine besonders große Bedeutung.
Wichtige Gedenktage sind:
- der 3. Tag nach dem Tod,
- der 9. Tag,
- der 40. Tag,
- anschließend der erste Jahrestag sowie weitere jährliche Totengedenktage.
Gerade der 40. Tag gilt als besonders wichtig. Nach orthodoxem Glauben erreicht die Seele des Verstorbenen zu diesem Zeitpunkt einen entscheidenden Abschnitt ihres Weges. Deshalb finden an diesem Tag häufig erneut Gottesdienste und gemeinsame Familienessen statt.
Staat und Religion
Während der Sowjetzeit wurden viele religiöse Traditionen zurückgedrängt. Statt kirchlicher Feiern fanden häufig weltliche Trauerzeremonien statt.
Seit dem Ende der Sowjetunion erleben orthodoxe Bestattungsrituale jedoch eine deutliche Renaissance. Selbst Menschen, die nur selten eine Kirche besuchen, wünschen sich häufig eine orthodoxe Trauerfeier. Religion wird dabei oft ebenso als kulturelle Tradition wie als Ausdruck persönlichen Glaubens verstanden.
Unterschiede zwischen Stadt und Land
Wie in vielen Ländern unterscheiden sich die Gepflogenheiten zwischen Metropolen und ländlichen Regionen.
In Moskau oder Sankt Petersburg werden moderne Bestattungsunternehmen zunehmend selbstverständlich genutzt. Feuerbestattungen sind dort deutlich häufiger als auf dem Land.
In kleineren Städten und Dörfern spielen dagegen familiäre Traditionen und regionale Bräuche oft eine größere Rolle. Manche Rituale reichen noch weit in die russische Volkskultur zurück und verbinden christliche Elemente mit älteren, vorchristlichen Vorstellungen.
Mein Eindruck
Aus deutscher Sicht wirken russische Bestattungen häufig persönlicher und familiärer. Der offene Abschied am Sarg, die langen Gebete und die mehrfachen Totengedenken zeigen, dass der Verstorbene die Familie nicht mit dem Tag der Beerdigung verlässt.
Gleichzeitig fällt auf, wie selbstverständlich Tod und Trauer in den Familien ihren Platz haben. Das gemeinsame Trauermahl, die wiederholten Besuche am Grab und die festen Gedenktage machen deutlich, dass Abschied in Russland nicht als einmaliges Ereignis verstanden wird, sondern als längerer Weg, auf dem die Familie den Verstorbenen weiterhin begleitet.
Gerade diese Verbindung aus orthodoxem Glauben, familiärer Gemeinschaft und jahrhundertealten Traditionen macht russische Bestattungen zu einem interessanten Beispiel dafür, wie unterschiedlich Menschen in Europa mit Tod und Trauer umgehen.
Episodenliste:
- Bestattung interkulturell: Einleitung
- Bestattung interkulturell: Christentum
- Bestattung interkulturell: Kirche Jesu Christi - Mormonen
- Bestattung interkulturell: Judentum 1
- Bestattung interkulturell: Judentum 2
- Bestattung interkulturell: Warum Juden die Tora begraben
- Bestattung interkulturell: Islam 1
- Bestattung interkulturell: Islam 2
- Bestattung interkulturell: Buddhismus 1
- Bestattung interkulturell: Buddhismus 2
- Bestattung interkulturell: Hinduismus 1
- Bestattung interkulturell: Hinduismus 2
- Bestattung interkulturell: Freimaurer
- Bestattung interkulturell: unterschiedliche Nationen
- Bestattung interkulturell: Luftbestattung Vogelbestattung, Himmelsbestattung
- Bestattung interkulturell: Altkatholische Kirche
- Bestattung interkulturell: Zeugen Jehovas
- Bestattung interkulturell: Griechisch orthodox
- Bestattung interkulturell: Sinti und Roma
- Bestattung interkulturell: Anthroposophen, Christengemeinschaft
- Bestattung interkulturell: Scientology
- Bestattung interkulturell: Aleviten
- Bestattung interkulturell: Bahai
- Bestattung interkulturell: Winter in Kanada
- Bestattung interkulturell: Baptisten
- Bestattung interkulturell: Kopten
- Bestattung interkulturell: Mennoniten
- Bestattung interkulturell: Japan
- Bestattung interkulturell: Schweiz
- Bestattung interkulturell: USA
- Bestattung interkulturell: USA Einbalsamierung
- Bestattung interkulturell: Kremation in den USA vs. Deutschland
- Bestattung interkulturell: USA - Laufen Gräber irgendwann ab?
- Bestattung interkulturell: USA - Die Funeral-Escort-Services und die falschen Polizisten
- Bestattung interkulturell: Mexiko - Día de los Muertos
- Bestattung interkulturell: Madagaskar - Famadihana - Knochenwendung
- Bestattung interkulturell: Alte europäische Naturreligionen
- Bestattung interkulturell: Satanismus
- Bestattung interkulturell: Voodoo Ahnenkult und Mythen
- Bestattung interkulturell: Philippinen - Baum- und Hängesärge
- Bestattung interkulturell: Südkorea - Feuer und Perlen
- Bestattung interkulturell: Ghana - Phantasiesärge
- Bestattung interkulturell: Spanien - überirdische Gräber
- Bestattung interkulturell: Bulgarien -1-
- Bestattung interkulturell: Bulgarien -2-
- Bestattung interkulturell: Russland
- Bestattung interkulturell: Korea
- Bestattung interkulturell: Postmortale Eheschließung
- Bestattung interkulturell: Kannibalismus
- Bestattung interkulturell: Amish People – Schlichtheit bis zuletzt
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- Bestattung interkulturell - Die Niederlande
- Bestattung interkulturell - Haitianisches Voodoo – Wenn der Geist weiterlebt
- Bestattung interkulturell: Voodoo und Zombies
- Bestattung interkulturell: Feuerbestattung im Wandel
